2. Dezember 2012 18:00 Studie zum Pflegenotstand bis 2030 Düstere Prognose für das Leben im Alter

Von Sven Loerzer

Bundesweit werden bis zum Jahr 2030 eine halbe Million Pflegekräfte fehlen - besonders hart trifft es die Region München. Wie dramatisch die Situation tatsächlich wird, hängt auch von der Versorgung zu Hause ab. Und von der Verantwortung, die Menschen für ihre Gesundheit übernehmen, um gesünder zu altern.

Region am Krückstock: Um 48 Prozent könnte die Anzahl der Pflegebedürftigen bis 2030 in München steigen, im Landkreis gar um 102 Prozent, prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung. Es werden Tausende Fachkräfte gebraucht.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Altwerden macht immer mehr Menschen Angst: Denn zum Lebensende drohen nicht nur Hilfsbedürftigkeit und Demenz, sondern obendrein eine schlechte Versorgung. Der Pflegenotstand, der alle Jahre wieder regelmäßig beschworen wird, ist nun schon älter als die Pflegeversicherung. Doch löst er zumeist nur ein ratloses Achselzucken aus.

Jetzt hat die Bertelsmann-Stiftung dazu auch noch eine völlig neue Rechnung aufgemacht, sie prognostiziert eine wesentlich dramatischere Versorgungslücke bis zum Jahr 2030. Bis dahin werden bundesweit rund eine halbe Million Pflegekräfte fehlen, wenn die demografische Entwicklung zuschlägt und die Zahl der Pflegebedürftigen bundesweit steigt: um 47 Prozent auf dann 3,4 Millionen Menschen.

Der Region München prophezeit der "Pflegereport 2030" der Bertelsmann-Stiftung dabei ein besonders düsteres Szenario. Erstmals weist er Daten für die Entwicklung in den Städten und Landkreisen aus. Ausgehend vom Basisjahr 2009 dürfte die Zahl der Pflegebedürftigen in München bis 2030 um 48 Prozent steigen. Legt man den bisherigen Personaleinsatz in diesem Bereich zugrunde, könnten dann der Prognose zufolge allein in München rund 4200 Pflegekräfte fehlen. Der Report berücksichtigt dabei nicht nur die steigende Zahl der Pflegebedürftigen, sondern auch, dass demografisch bedingt das Angebot an Arbeitskräften allgemein sinken wird.

Pflegebedürftigkeit verdoppelt sich in der Region

Die Region rund um München aber wird es aufgrund ihrer Altersstruktur weitaus härter treffen, vor allem weil dort die seit den 80er Jahren aus München zugezogenen jungen Familien ins höhere Alter vorrücken. So muss der Landkreis München mit einem Anstieg der Pflegebedürftigkeit um 102 Prozent rechnen, wofür dann 2450 Pflegekräfte fehlen würden. Auch der Landkreis Ebersberg müsste von einer Verdoppelung der Zahl der Pflegebedürftigen ausgehen. Rund 800 Pflegekräfte würden dort fehlen.

Eine Grafik zeigt, in welchen Regionen die Zahl der Pflegebedürftigen besonders stark zunehmend wird.

(Foto: )

Auch in Dachau, Erding, Freising und Fürstenfeldbruck sähe es kaum besser aus, während sich in Bad Tölz-Wolfratshausen und Starnberg die Situation nicht ganz so dramatisch entwickeln dürfte. Ganz anders fallen die Prognosen zum Beispiel in den nord- und ostbayerischen Landkreisen aus, die schon länger unter der Abwanderung Jüngerer leiden: In Coburg dürfte infolge der davon geprägten Altersstruktur die Zahl der Pflegebedürftigen nur noch um 14 Prozent und in Wunsiedel um 18 Prozent zunehmen.

Ob sich der Pflegenotstand in Boomregionen wie dem Raum München tatsächlich derart dramatisch entwickeln wird, hängt jedoch von vielen Variablen ab. Sollte es etwa gelingen, dass dank besserer Vorsorge Menschen häufiger als bisher gesünder ein hohes Alter erreichen, dann könnte der Pflegebedarf sinken. "Allerdings sind derartige Prozesse in den letzten zehn Jahren nicht zu beobachten", betonen die Autoren des Pflegereports. Die düstere Prognose basiert außerdem auf der Annahme, dass der Trend anhält, dass immer weniger Pflegebedürftige von Angehörigen versorgt werden.

Das Ausmaß der Versorgungslücke lässt sich durchaus noch beeinflussen: Die Autoren haben auch ein Szenario für den Fall berechnet, dass es gelänge, den Vorrang der häuslichen Pflege, der gesetzlich festgelegt ist, stärker durchzusetzen und die Zahl der Pflegebedürftigen in Heimen nicht weiter steigen zu lassen. Dort ist der Personalbedarf besonders hoch.

Ein Verzicht auf den Ausbau der Heimkapazitäten sei angesichts der zu erwartenden Zahl Pflegebedürftiger zwar ambitioniert, "gleichwohl aber nicht utopisch", betont der Report. Gelänge dies tatsächlich, würde sich die Versorgungslücke fast auf die Hälfte reduzieren lassen: Bundesweit würden so nurmehr 263.000 Pflegekräfte fehlen.

Fachkraftquote ist kaum mehr zu halten

So ging es der Bertelsmann-Stiftung auch nicht darum, mit neuen, noch schlimmeren Zahlen zum Pflegenotstand Panik zu verbreiten. "Der drohende Pflegenotstand ist längst bekannt", sagte Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Stiftung bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Vielmehr soll dieser aufzeigen, dass sich der steigende Bedarf allein mit professioneller Pflege kaum mehr bewältigen lassen wird.

Deshalb müsse jetzt alles unternommen werden, um den Grundsätzen "Rehabilitation vor Pflege" und "ambulant vor stationär" Geltung zu verschaffen, betonte Brigitte Mohn. Die Pflege durch Angehörige zu stärken und zu stützen, damit der Anteil der so Versorgten nicht weiter abnimmt, sei dabei ebenso wichtig wie die Förderung von zivilgesellschaftlichem Engagement, das den notwendigen Ausbau der ambulanten Pflege flankieren müsse.

Weil sich Heimträger besonders in Ballungsräumen schon heute schwer tun, die für die Pflege vorgeschriebene Fachkraftquote von 50 Prozent zu halten, gerät diese immer stärker in die Diskussion. So will das Münchner Sozialreferat, wenn der Stadtrat am Donnerstag zustimmt, nun das wissenschaftlich begleitete Modellprojekt "Qualitätsoffensive stationäre Altenpflege" starten.

Dabei spielen die Bachelor-Absolventen der Dualen Pflegeausbildung eine wesentliche Rolle. Sie könnten die Gesamtverantwortung für die Pflegequalität übernehmen, die Mitarbeiter anleiten und ihren Fähigkeiten und Erfahrungen entsprechend einsetzen. Ohne solche Konzepte, die in anderen Ländern bereits verbreitet sind und mit weniger Fachpersonal auskommen, werde sich der Pflegenotstand, so ist Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) überzeugt, noch stärker zuspitzen.