15. Februar 2013, 11:48 Streit um Wernher-von-Braun-Gymnasium "Der Name ist absolut unangebracht"

In seiner Fabrik schufteten sich während der NS-Zeit 20.000 Menschen zu Tode. Dennoch ist in Friedberg ein Gymnasium nach Wernher von Braun benannt. Jetzt machen Politiker Druck, die Schule umzubenennen. Doch der Schuldirektor will nicht.

Von Stefan Mayr

Darf eine staatliche bayerische Schule den Namen eines Mannes tragen, den anerkannte Historiker als Mittäter des NS-Regimes bezeichnen? Diese Frage wird der Schulleitung des Wernher-von-Braun-Gymnasiums in Friedberg bei Augsburg seit Jahren gestellt. In den vergangenen Wochen ist der Druck, die Schule umzubenennen, beträchtlich gestiegen, inzwischen fordern erstmals auch prominente Politiker einen Namenswechsel.

Allen voran Bundestagsvizepräsident Eduard Oswald (CSU): "Ich würde von diesem Namen Abstand nehmen." Der gebürtige Augsburger hat einen Brief an den bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle geschrieben, in dem er seinen Parteikollegen bittet, "sich der Sache anzunehmen".

Minister Spaenle selbst hatte das Problem noch vor einem Jahr relativiert, jetzt äußert er sich auf Anfrage erstmals kritisch: "Wernher von Braun ist mehr als umstritten, seine Lebensgeschichte ist von der Verbrechensbilanz des Dritten Reichs nicht zu trennen." Die Frage, ob von Braun als Namenspatron geeignet ist oder nicht, lässt Spaenle offen. Er sagt nur: "Ich gehe davon aus, dass sich die schulischen Gremien in Kürze aufgrund der neuerlichen intensiven gesellschaftspolitischen Diskussion mit der Namengebung beschäftigen werden."

Rein rechtlich kann das Ministerium der Schule nicht vorschreiben, den Namen zu ändern. Stattdessen muss die Initiative von der Schule ausgehen, das Ministerium kann nur Namensvorschläge genehmigen oder ablehnen. Damit will sich die Grünen-Abgeordnete Christine Kamm aber nicht abfinden: "Die Autonomie der Schule endet dort, wo die Menschenwürde missachtet wird." Sie kündigt eine Initiative im Landtag an - wie auch ihre SPD-Kollegen Simone Strohmayr und Harald Güller, die den Namen als "absolut unangebracht" bezeichnen.

Das Gymnasium wurde 1979 nach von Braun benannt. Damals wurde der Wissenschaftler vor allem als Pionier der Raumfahrt wahrgenommen - und nicht als SS-Sturmbannführer, der persönlich Zwangsarbeiter für das Konzentrationslager Dora-Mittelbau anforderte, in dem 60 000 Menschen seine Vergeltungswaffe V2 herstellen mussten. In der unterirdischen Fabrik starben unter unmenschlichen Bedingungen etwa 20 000 Menschen.

"Solch eine Ehrung nicht verdient"

Ende Januar hielt der Leiter der KZ-Gedenkstätte Dora-Mittelbau, Jens-Christian Wagner, in Friedberg ein Referat über Wernher von Braun. Dieser sei in die Verbrechen gegen KZ-Häftlinge "tief verstrickt" gewesen. "Er wurde nicht dazu gedrängt. Er hat sich aktiv am Prozess der Ausbeutung beteiligt und ihn betrieben." Wagners Urteil über den Raketenkonstrukteur und NSDAP-Mann war eindeutig: "Jemand, der für NS-Verbrechen verantwortlich ist, hat eine solche Ehrung nicht verdient."

Nach diesen Ausführungen meldete sich ein Zuhörer zu Wort und fragte: "Was muss noch alles passieren, um die Schule endlich mit einem anderen Namen zu versehen?" Schuldirektor Bernhard Gruber war bei der Veranstaltung nicht anwesend, und er sieht auch nach wie vor keinen Anlass, seine Schule umzubenennen.

Dabei beruft er sich auf Beschlüsse der Schulgremien, die sich mit von Brauns Lebenslauf beschäftigt und für eine Beibehaltung des Namens entschieden haben. Allerdings unter der Bedingung, dass "eine differenzierte Auseinandersetzung" mit dem Namensgeber stattfinde. So fand 2012 ein Symposium über die ethische Dimension der Wissenschaft statt.

Auf der Internetseite des Gymnasiums heißt es, dass "gerade die Beschäftigung mit diesem schwierigen Thema für unsere Schüler pädagogisch wichtig und gewinnbringend" sei. Ein Leserbriefschreiber sah das in der Lokalzeitung ganz anders: "Mit W.v.B. wird nun vermittelt, dass man an Verbrechen beteiligt sein darf, man muss nur eine nachhaltige Leistung erbracht haben, um dann geehrt zu werden."

Im März 2012 sprach erstmals ein ehemaliger Insasse des KZ Dora-Mittelbau vor Friedberger Gymnasiasten. "Was von Braun getan hat, war nicht menschlich, er wollte die Wunderwaffe für den Endsieg bauen", sagte David Salz, 83. "Er ist kein Vorbild für die Jugend, es ist frevelhaft, eine Schule nach diesem Mann zu benennen."

Salz berichtete von den Verhältnissen in der Fabrik, die "noch schlimmer" gewesen seien als in Auschwitz. "Es gab keine Betten, nur feuchtes Stroh auf Betonboden. Die verklebten Augen wuschen wir uns mit Urin aus. Es war die einzige Möglichkeit, etwas zu sehen." Salz betonte: "Ein Wort von Braun hätte genügt, um die Bedingungen zu verbessern." Bei einem Vortrag vor Erwachsenen forderte er: "Tut alles, damit dieser Name vom Gymnasium verschwindet."

Schüler sollen sich mit Braun auseinandersetzen

Bereits dieser Auftritt brachte einige zum Nachdenken. Allerdings betonte das Kultusministerium damals noch, es habe mit dem Namen kein Problem. Von Braun habe zwar "den menschenverachtenden Kriegszielen des Dritten Reichs gedient", sei aber eben auch "ein herausragender Wissenschaftler" gewesen, der in den USA den Traum der Mondlandung mit verwirklichte. Für die Schüler lohne es sich, sich "intensiv" mit von Braun "in seinen vielfältigen Schattierungen auseinanderzusetzen", hieß es damals.

Jetzt, angesichts der breiten Diskussion, angesichts der klaren Worte des Bundestagsvizepräsidenten und vielleicht auch angesichts der bevorstehenden Wahlen, schlägt Minister Spaenle andere Töne an: "Von Brauns unkritische Technikgläubigkeit hat seinen Blick für die menschenverachtenden Bedingungen des NS-Raketenprogrammes verstellt." Den weiteren Diskussionsprozess an der Schule werde er "intensiv begleiten". Diese Ankündigung könnte so gelesen werden, dass er auf eine Namensänderung hinwirken wird.

Inzwischen kritisieren auch Kommunalpolitiker den Namen des Gymnasiums, die sich bislang vornehm zurückgehalten hatten. "Man sollte sich von diesem Namen trennen", sagt der CSU-Kreisvorsitzende Peter Tomaschko. CSU-Landrat Christian Knauer vermeidet dagegen eine klare Position: Es sei "keinesfalls unbillig", die Frage nach einer Umbenennung zu stellen.