12. Februar 2013 08:40 Regensburg nach dem Papst-Rücktritt Frau Heindl ist derdätscht

Als sein Bruder zum Papst gewählt wurde, war er perplex. Nach dem Rücktritt des Pontifex wirkt nur die Haushälterin von Georg Ratzinger geschockt. Der Papstbruder aus Regensburg will dagegen seit Monaten von Benedikts Rückzugsplänen gewusst haben.

Von Rudolf Neumaier und Wolfgang Wittl

Diesmal ist es etwas leichter, Georg Ratzinger zu erreichen. Leichter als vor acht Jahren, als sein Bruder Papst wurde. Kurz vor zwölf Uhr hebt er ab. "Ja", sagt er, es stimme, dass sein Bruder zurücktrete. Er wirkt ausgeglichen wie immer. Jetzt müsse er aber erst einmal Radio hören, die Nachrichten.

Seit Monaten ist er schon eingeweiht, deshalb ist der Tag des Papst-Rücktritts für Georg Ratzinger, 89, fast ein Tag wie jeder andere. Es gibt keinen Grund, den Ablauf zu ändern: Nach den Nachrichten gibt es Mittagessen, gebetet wird der "Engel des Herrn". Hektik? Keine Spur.

Die anschließende Mittagsruhe wird er auch an diesem denkwürdigen Tag nicht verkürzen. Nur Frau Heindl, die Haushälterin, wirkt etwas überfahren von den Ereignissen. "Wissen Sie noch, Frau Heindl, vor acht Jahren sagten Sie, der Herr Domkapellmeister könne nicht telefonieren, der sei total derdätscht." "Ja", sagt Frau Heindl, "das war er damals. Heute ist er nicht derdätscht. Heute bin ich es."

Draußen vor dem Haus in der Regensburger Luzengasse wartet ein Pulk Journalisten und Frau Heindl, Agnes Heindl, die damals von einer Minute auf die andere zur Papstbruderköchin avancierte, ringt um Fassung. Sie habe es erst an diesem Montagmittag erfahren. "Ich muss das erst verkraften", sagt sie, "wir waren so stolz auf ihn." Glücklich ist sie nicht über die Entscheidung Benedikts XVI., aber glücklich war ja auch Joseph Ratzinger nicht, als er 2005 zum Dienst in den Weinberg des Herrn bestellt wurde.

In seinem Herzen blieb der Papst ein Regensburger

Wie wohl alles gekommen wäre, wenn er nicht zum Erzbischof von München und Freising berufen worden wäre? Wenn er stattdessen Professor in Regensburg geblieben wäre? Wie oft mochte Joseph Ratzinger sich das gefragt haben. Selbst als er in Rom als Glaubenspräfekt bereits viele Jahre über die Weltkirche wachte, hatte er unverändert klare Vorstellungen, wie er seinen Lebensabend verbringen wollte.

Und vor allem wo dies geschehen sollte: In Pentling, wo er Anfang der 70er Jahre ein Haus bauen ließ, wollte der Gelehrte Ratzinger in dörflicher Abgeschiedenheit seine letzten Werke zu Papier bringen. Hier, nur ein paar Kilometer von der Universität Regensburg entfernt, wollte er das tun, was ihm am liebsten war: sich in Ruhe mit Gott und dem Glauben beschäftigen. Ein Wunsch, der ihm bekanntlich verwehrt blieb.

Wie kaum einem anderen Menschen ist es Joseph Ratzinger dafür gelungen, die Stadt Regensburg in den Mittelpunkt zu rücken, obwohl das gewiss nie sein primäres Ziel war. "Als Botschafter hat er auch Regensburg, das er als seine Heimat bezeichnet, in die ganze Welt getragen", sagte Oberbürgermeister Hans Schaidinger am Montag. Die Stadt fühle "eine tiefe Verbundenheit zu ihrem Ehrenbürger Papst Benedikt XVI." Nur acht Jahre wirkte Ratzinger von 1969 an als Professor an der theologischen Fakultät. Im Personen- und Telefonverzeichnis der Universität wird er bis heute als Honorarprofessor geführt.

In seinem Herzen hat der 85-Jährige Regensburg ohnehin nie verlassen. Bis zu seiner Papstwahl 2005 kehrte er stets zum Urlaub in sein Wohnhaus zurück. In Regensburg befindet sich alles, was dem Familienmenschen Ratzinger lieb und teuer ist. Auf den Friedhof in Ziegetsdorf hat er seine Eltern zur letzten Ruhestätte überführen lassen, damit sie ihm nahe sind.

Interaktiv: Das Leben von Joseph Ratzinger

Hier liegt seit 1991 auch seine Schwester Maria begraben, die ihm einst den Haushalt führte. In Regensburg lebt Georg, sein älterer Bruder, der ihn über alle Vorkommnisse aus dem Bistum auf dem Laufenden hält, die nicht unbedingt den Weg an die Öffentlichkeit finden. Die örtliche Tageszeitung lässt sich der Papst gleichwohl bis zum heutigen Tag nach Rom schicken.

Im Bistum löste die Nachricht von seinem angekündigten Rücktritt erst einmal Sprachlosigkeit aus. Das Ordinariat veröffentlichte auf seiner Internetseite lediglich eine deutsche Fassung von der Erklärung des Papstes. Der neue Bischof Rudolf Voderholzer, hieß es, werde sich erst einen Tag später äußern.

Mitarbeiter der Diözese zeigten sich konsterniert. Im Gegensatz zu Georg Ratzinger, der wohl als einziger seit Monaten von den Plänen seines Bruders wusste, ahnte hier niemand etwas. "Unglaublich" oder "nicht zu fassen" lauten daher die häufigsten Kommentare.

Sie dürften auch die Stimmung des neuen Bischofs ausdrücken, der zu Joseph Ratzinger eine besonders enge Beziehung pflegt. Rudolf Voderholzer ist nicht nur Leiter des Papstinstituts Benedikt XVI., das den wissenschaftlichen Nachlass Ratzingers regelt, sondern er hat auch sein Wohnhaus in Pentling zur theologischen Begegnungsstätte umgebaut.

Voderholzer ließ das Gebäude, das in seiner funktionalen Betonarchitektur so sehr an die Universität erinnert, in den Ursprungszustand zurückversetzen. Ratzinger hatte es einer Stiftung überschrieben und die Pläne jederzeit begleitet. Dennoch soll ihm die Trennung von seinem Haus nicht leicht gefallen sein, bedeutete sie doch den endgültigen Verzicht auf sein geliebtes Refugium.

Das Erbe des Pontifikats aus Regensburger Sicht

Selbst kritische Christen im Bistum zollen Ratzinger am Montag Respekt für seine Entscheidung. Der Papst habe ein Zeichen gesetzt, sagt Johannes Grabmeier, der Vorsitzende der Laienverantwortung Regensburg. Er hoffe, dass die Kirche nun zu einem wirklichen Aufbruch ansetze, der längst überfällig sei.

Die Bilanz des fast achtjährigen Pontifikats Benedikts fällt aus Grabmeiers Sicht "leider ernüchternd" aus: Als Beispiele nennt er unverminderten Reformstau, den Umgang mit dem Missbrauchsskandal - und nicht zuletzt den Vortrag des Papstes, der bei seinem Besuch 2006 als "Regensburger Rede" zum Begriff geworden ist. Ratzinger zitierte bei einer Vorlesung an der Universität Äußerungen über Gewalt im Islam, die ihm von Muslimen missverständlich als "Hasspredigt" ausgelegt wurden.

Das Erbe Joseph Ratzingers in Regensburg wird also weit bedeutender sein als etwa jene Orgel mit seinem päpstlichen Namen, die er in der Alten Kapelle selbst geweiht hat. Fast hatte es den Anschein, als wollte der 85-Jährige noch einmal die Hoheit über sein Leben zurückgewinnen. Eine Rückkehr ist jedoch ausgeschlossen, Ratzinger wird in Rom bleiben. Der Professor mit der Baskenmütze, der von Pentling Richtung Universität lief, wird für immer ein Bild der Vergangenheit bleiben.