25. Dezember 2012 17:50 Phil Herold und die Stars Eine Überdosis Leben

Von Hans Kratzer

Er kennt Snoop Dogg, die Rolling Stones, Eric Clapton und viele andere Stars: Phil Herold ist schwer behindert, muss 16 Stunden am Tag beatmet werden. Seine Lebenserwartung lag bei drei Jahren - jetzt ist er 32, hat viele Weltstars als Freunde, entwirft Computerbilder und wird für sie in Amerika gefeiert.

Eine Sommernacht in der Konzerthalle Melkweg in Amsterdam. Es gastiert der Rapper Snoop Dogg aus Long Beach, USA, ein Leitwolf im globalen Musikbusiness. Auf einem You-Tube-Video, das diesen Auftritt dokumentiert, wirkt die Halle wie ein Dampfkessel, der von zuckenden Leibern und vom Rhythmus der Hip-Hop-Musik erhitzt wird. Snoop Dogg trägt ein holländisches Oranje-Fußballtrikot. "Has everybody a good time?", fragt der Rapper, "Yeeaahhh" schallt es ihm entgegen.

Snoop aber richtet seinen Blick bereits in eine andere Richtung. Ein guter Freund komme jetzt auf die Bühne, kündigt er dem Publikum an, er heiße Phil. Schon nähert sich von der Seite ein mit allerlei Technik aufgepfropftes Rollstuhlgefährt. Darauf sitzt ein schmächtiger Mensch, sein Gesicht ist hinter einem Hut, einer Sonnenbrille und einem weißen Mundschutz verborgen. Zwei Schläuche führen von einem Beatmungsgerät in die Nase des Überraschungsgastes, der sehr zerbrechlich wirkt.

Wie hat man sich einen Freund von Snoop Dogg vorzustellen, einem Musiker, dessen Karriere auch von dubiosen Geschichten begleitet war? Kenner der Szene würden wohl auf einen mit dicken Ringen und Goldketten behängten Gangsta-Rapper aus irgendeinem amerikanischen Großstadt-Ghetto tippen. Doch der Freund, den Snoop auf die Bühne bittet, stellt das glatte Gegenteil eines solchen Typen dar. Er heißt Philipp Herold, nennt sich selber Phil und stammt mitnichten aus dem Drogen- und Zuhältermilieu der US-Südstaaten, sondern aus dem braven niederbayerischen Dorf Tann. Ein solches Duo sieht selbst das global gefärbte Melkweg nicht jeden Tag: hier der drahtige dunkelhäutige Superstar, dort der dünne blasse Phil, gezeichnet von seiner schweren körperlichen Behinderung - solche Freundschaften existieren sonst nur in Kinofilmen wie "Ziemlich beste Freunde".

Welch ein Schauspiel! Snoop Dogg rappt, fuchtelt mit den Armen, presst seinen Sprechgesang ins Mikro, neben ihm lässt Phil seinen Rollstuhl im Takt der Musik kreisen, er wippt vor und zurück, dreht sich flüssig, die Szenerie wirkt so unschuldig wie ein Marionettenspiel der Augsburger Puppenkiste. Das Publikum kreischt, Phil würde gerne zurückwinken. Er kann aber nur seinen Daumen bewegen. Sein Körper ist steif und gelähmt.

Die Krankheit ist im Säuglingsalter ausgebrochen, jetzt ist Philipp Herold 32 Jahre alt. Doch in seiner schwachen Konstitution steckt eine Überdosis Leben. Er klagt nicht, sondern beteuert bei jeder Gelegenheit: "Behindert bin ich nur nebenbei!" Für einen wie ihn ist das Dasein viel zu kostbar, um darüber zu jammern, mag es noch so mühsam sein. Auf seiner Facebook-Seite hat er vor wenigen Tagen gepostet: "Gib niemals auf. Egal wie oft du stürzt, steh immer wieder auf. Niederlagen werden nicht akzeptiert. Jage den Traum!"

Phils Lebenserwartung lag bei drei Jahren. Jetzt, 30 Jahre später, sprechen die Mediziner von einem Wunder. "Ich wusste schon als Jugendlicher, dass ich mehr leisten muss als andere, um meine Ziele zu erreichen", erzählt der tapfere Kämpfer in Interviews. Mit seinem Willen, niemals aufzugeben, schafft er es immer wieder, Leidensgenossen mitzureißen, aber auch Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen, verwöhnte Stars aus dem Show-, Film- und Musikbusiness. Snoop Dogg ist nicht sein einziger Freund aus diesem Dunstkreis.

Jeder Konzertveranstalter müsste Herold wegen seiner Kontakte beneiden. Die Rolling Stones, Sting, Beyoncé, Cher, Aerosmith, Leonardo di Caprio, Robert de Niro, Franz Beckenbauer - die Liste seiner prominenten Unterstützer ließe sich fast beliebig lange fortsetzen. Wie aber schaffte es Phil Herold, all diese Weltstars für sich zu gewinnen? Die Suche nach einer Antwort führt in seine Heimatstadt.

München, Türkenstraße, kurz vor Weihnachten. In einer Wohnung im ersten Stock des Altbaus mit der Hausnummer 37 ist Philipp Herold aufgewachsen. Obwohl die Familie schon lange in Tann wohnt, wo sie ein behindertengerechtes Haus gebaut hat, hielt sie an dieser Münchner Wohnung fest. Monika und Gerhard Herold führten 1980, als ihr Sohn geboren wurde, ein Obst- und Gemüsegeschäft, arbeiteten 16 Stunden täglich und waren glücklich. Bis Philipp nach einigen Monaten seinen Kopf nicht mehr heben konnte. Eine Muskelbiopsie im Kinderspital ergab den niederschmetternden Befund: Philipp ist unheilbar krank, er leidet an Spinaler Muskelatrophie. Es ist eine Laune der Natur. Die fortschreitende Zerstörung von Nervenzellen im Rückenmark führt zu Muskelschwund und Körperlähmung. Mittlerweile muss Philipp 16 Stunden am Tag beatmet werden. Seit einigen Jahren kann er nur noch einen Daumen bewegen.

An diesem Dienstag hat ihn sein Vater mit dem eigens für seinen Transport umgebauten Spezialbus von Tann nach München gefahren und ihn zusammen mit einem Betreuer in die Wohnung im ersten Stock hinaufgetragen. Phil wird 24 Stunden am Tag betreut. Sieben Tage die Woche. "Es muss immer jemand bei ihm sein", sagt Gerhard Herold, der Vater, ein ruhiger Mittfünfziger mit Karl-Lagerfeld-Frisur.

Die Pflege des Sohnes hat die Eltern an ihre körperlichen und seelischen Grenzen geführt. "Dafür haben wir es geschafft, dass Phil in seiner vertrauten Umgebung wohnen kann", sagt Gerhard Herold. Dass er ein Leben nach eigenen Vorstellungen führen, dass er am Computer arbeiten und sogar große Reisen unternehmen kann, ist alles andere als selbstverständlich. Die meisten seiner gut 400 Leidensgenossen in Deutschland leben im Heim. Um dies zu vermeiden, ist Phil Herold zu einem Arbeitgeber geworden. "Ich stelle Menschen ein, die mir helfen, meinen Alltag zu bewältigen", erklärt er dieses Modell, dessen Finanzierung mehrere Kostenträger übernehmen. "Das kommt aber immer noch günstiger als ein Heimplatz", sagt sein Vater. Das Problem ist nur: Es ist schwer, geeignete Assistenten zu finden. Mancher Kandidat springt schnell wieder ab.

Der Assistent Christoph, der Philipp gerade in der Münchner Wohnung betreut, arbeitet dagegen schon einige Jahre für ihn. Routiniert regelt er die Abläufe, fast alles funktioniert wortlos, er kann gleichsam die Gedanken seines auf einer Liege ruhenden Chefs lesen. Jetzt dreht er dessen Kopf in Richtung des Gesprächspartners, bewegt dessen Arme und Beine, stellt zur richtigen Zeit einen Becher neben seinen Kopf, damit Philipp über einen Strohhalm Nahrung aufnehmen kann. Er hält ihm das Handy ans Ohr, wenn er telefoniert. Die Wohnung in der Türkenstraße ist zugleich ein Atelier. Großflächige Kunstwerke lehnen an der Wand, Bilder, die Phil Herold mithilfe des Computers geschaffen hat. Er arbeitet nachts und schläft am Tag. "In der Nacht kommen mir die besten Ideen", sagt er. "Einige wurden für die nimmer endende Nacht geboren!", hat er auf seiner Facebook-Seite notiert.

Vor zehn Jahren hat Phil Herold die Prüfung zum Mediendesigner mit Auszeichnung bestanden und anschließend in einer Software-Firma als Grafiker gearbeitet, die Krankheit ließ das damals noch zu. Während seiner Ausbildung entdeckte er die Kunst als neue Energiequelle seines Lebens. Er produziert großflächige Pop-Art-Bilder, farbstrotzend, märchenhaft, fotorealistisch. Mittlerweile hängen seine Werke in Galerien auf der ganzen Welt.

Die Karriere des Phil Herold begann, als er in München seinen 20. Geburtstag feierte. In einem Hotel lernte er die Jazzmusiker Branford Marsalis, Jeff Watts und Eric Revis kennen. "Diese Nacht sollte alles verändern", erinnert er sich. Das Trio nahm ihn zu einem Konzert nach Burghausen mit, danach verlegten die Musiker ihre After Show Session von einem für Phils Rollstuhl ungeeigneten Jazzkeller kurzerhand nach Tann. Als ihr neuer Freund im Sommer nach New York kommt, führen sie ihn in das dortige Nachtleben ein. Phil Herold, der charmante Exot im Rollstuhl, dockt mit Erfolg an die New Yorker Kulturszene an. "Phil the Thrill" nennen sie ihn dort. Der Pop-Art-Künstler und Galerist Michael Perez stellt die ersten Herold-Bilder aus.

Von da an geht es Schlag auf Schlag. Bald sind seine Werke in Los Angeles und in Berlin zu sehen. Mehrmals kehrt Herold nach Amerika zurück, lernt Weltstars wie die Red Hot Chili Peppers, Oliver Stone, Eric Clapton und Carlos Santana kennen, darf ihre Konzerte hautnah hinter der Bühne verfolgen. Er beeindruckt selbst die abgebrühten Rolling Stones. Als diese 2006 im Münchner Olympiastadion gastieren, besuchen Keith Richards und Ron Wood zwischen Soundcheck und Auftritt eine Herold-Ausstellung in der Philharmonie und kaufen zwei Bilder. Nach dem Konzert darf Phil im engsten Kreis mit den Stones mitfeiern.

Der Künstler nützt dieses Privileg für Aktionen, welche die Welt ein bisschen besser machen sollen. Der Erlös seiner Bilder fließt in wohltätige Stiftungen. Er unterstützt damit zum Beispiel die "Aktionsgemeinschaft Kind in Not" im Rottal, von der er einst als behindertes Kind betreut wurde. Ein Teil fließt in die Franz Beckenbauer Stiftung zur Unterstützung körperlich und geistig behinderter Menschen. Der restliche Erlös geht an die von ihm 2010 in Kalifornien gegründete Phil L. Herold "Forever begins Foundation" zur Erforschung der Spinalen Muskelatrophie und anderer seltener Muskelkrankheiten.

Seinen 30. Geburtstag feierte Phil in Los Angeles. In Amerika fühlt er sich glücklich, auch wenn ihn diese Reisen wegen des Liegeplatzes im Flieger enorm viel Geld kosten. "Dort lieben mich die Menschen", sagt er, "und die Nächte am Sunset sind unschlagbar. Hier fühle ich mich zuhause." In Amerika entstand auch die Idee zu seinem neuen Projekt, seinem ambitioniertesten überhaupt, denn "es ist Zeitverschwendung, etwas Mittelmäßiges zu tun!" "The Skills Project" nennt Herold dieses Vorhaben, bei dem er mit einer Spezialkamera große Persönlichkeiten fotografieren will, und zwar in einem Kontext, der exemplarisch für ihr Leben und ihren Erfolg steht. Franz Beckenbauer wird seinen ersten Spielerpass mitbringen, Mick Jagger seinen ersten Plattenspieler. Die Liste der Stars, die zugesagt haben, enthält Namen wie Kanye West, Michelle Obama, Kevin Costner, Mark Zuckerberg, Bill Gates, Campino und Wladimir Klitschko.

In München ist es ein Leichtes, auf Phil Herolds Bilder zu stoßen. In einem großen Schaukasten an der Wand des Eiscafés Ballabeni in der Theresienstraße sind sie täglich 24 Stunden zu sehen. Aber nur wenige Passanten nehmen davon Notiz, vielleicht sind ihre Blicke abgestumpft von den schreienden Bildern der Konsumwerbung. In Amerika gefeiert, wird Phil Herold in München noch ignoriert.

Es ist Nacht geworden. Phil the Thrill fährt zurück nach Tann, den Kopf voller Hoffnungen. 2013 soll sein Jahr werden - nicht nur in Amerika. Beim Abschied sagt er: "Mehr zu schaffen, als ich mir zugetraut habe, ist ein großartiges Gefühl!"