Europäischer Tag des Fahrrads:Fahrradparadies Deutschland - ein Witz

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In Deutschland werden immer mehr Fahrräder verkauft. Doch die Bedingungen für Radfahrer sind meist alles andere als optimal. (Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Aus Sicht der Bundesregierung liegt Deutschland bei der Fahrrad-Nutzung in Europa an der Spitze. Experten von Fahrradverbänden sehen das jedoch anders.
  • In Sachen Fahrradfreundlichkeit liegen immer dieselben Kommunen vorne. Damit andere Städte aufholen können, müssten deutlich mehr Fördergelder fließen.
  • Dass die Wende von der Anti- zur Pro-Zweirad-Stadt gelingen kann, zeigt das Beispiel Londons.

Von Steve Przybilla

Deutschland, ein Paradies für Radler? Hierzulande werden jährlich mehr neue Fahrräder als Autos verkauft, überall gibt es neue Radwege, und mehr als zwei Millionen E-Bikes unterstreichen ein ständig steigendes Interesse am (Teilzeit-)Strampeln. Das ist die Sicht der Bundesregierung. "Wir liegen bei der Fahrrad-Nutzung in Europa an der Spitze", verkündete Rainer Bomba (CDU), Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, kürzlich auf dem Nationalen Radverkehrskongress in Potsdam. Die Lesart der Bundesregierung: Alles super auf dem Sattel.

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Oder ist die Fahrrad-Euphorie im Land, in dem das Auto erfunden wurde, eher ein schaler Witz? Schon ein flüchtiger Blick in den Nationalen Radverkehrsplan, den die Bundesregierung selbst herausgibt, zeigt ein ganz anderes Bild. Demnach liegt Deutschland bei der Fahrradnutzung in Europa allenfalls im vorderen Mittelfeld. Bis 2020, so fordert es das Strategiepapier, sollen 15 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Wie genau, bleibt unklar.

Dafür fällt eine andere Zahl auf: In vielen ländlichen Regionen werden aktuell gerade einmal acht Prozent aller Wege auf dem Drahtesel zurückgelegt. Länder wie Dänemark oder die Niederlande (die weniger Steigungen haben) können über solche Radlerquoten nur lachen.

Lernen von den USA

"Wir hinken bei der Infrastruktur weit hinterher", klagt Ludger Koopmann, stellvertretender Bundesvorsitzender des Radverbandes ADFC. Neben Vorzeigestädten wie Kopenhagen, Amsterdam oder Portland (USA) hätten auch Outsider wie die kolumbianische Hauptstadt Bogotá in den vergangenen Jahren massiv in ihr Radwegenetz investiert. "Sogar vom Autoland USA können wir inzwischen lernen", spottet Koopmann. "Wenn ich im Ausland erzähle, dass Radfahrer bei uns auf die Fahrbahn müssen, machen die Leute große Augen." International, sagt Koopmann, seien sichere, vom restlichen Verkehr getrennte Radwege längst auf dem Vormarsch.

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Also doch kein Radler-Paradies? "Zumindest klingt die Darstellung des Ministeriums ziemlich dick aufgetragen", antwortet Krister Volkmann vom Verkehrsclub VCD. Deutschland stehe zwar im weltweiten Vergleich durchaus gut da. Dennoch seien andere Länder von der Mentalität her deutlich weiter: "An Radfahrern stört sich niemand in Deutschland", sagt Volkmann, "aber nur, solange es dem Autoverkehr nicht wehtut." In Dänemark wurden bereits komplette Autospuren zu Fahrradwegen umgewidmet; im niederländischen Eindhoven thront der futuristische "Hovenring", ein eigener Kreisverkehr für Radfahrer über dem Autoverkehr. In Deutschland dagegen sind Biker schon froh, wenn bestehende Radwege nicht vergammeln.

Einige wenige Vorzeige-Kommunen

Keine Frage, es gibt Vorzeige-Kommunen, die Beachtliches leisten. Nur sind es Jahr für Jahr immer dieselben Städte, die für ihre Fahrrad-Freundlichkeit ausgezeichnet werden. Münster, Freiburg und neuerdings auch Karlsruhe rangieren beim Ranking des ADFC ganz vorne. Auch Potsdam, nicht umsonst Ausrichter des diesjährigen Radverkehrskongresses, kann sich sehen lassen. Oder Baden-Württemberg, wo der Fahrradanteil auf 20 Prozent erhöht werden soll. Der politische Anreiz: Wenn Kommunen dort neue Radwege bauen, bezahlt das Verkehrsministerium die Anschaffung und die Erhaltung der Beschilderung.

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Ein bundesweites Problem bleibt jedoch bestehen: "Kommunen und Regionen, die jetzt schon schlecht dastehen, werden immer weiter abgehängt", sagt ADFC-Vorstand Koopmann. "Wenn die Bundesregierung wirklich etwas verändern will, müsste sie bei den Fördersummen noch einmal eine Null dranhängen."

Insofern erscheint es nur konsequent, dass ausgerechnet Wuppertal den diesjährigen Deutschen Fahrradpreis gewonnen hat. Dort haben Ehrenamtliche den Umbau einer stillgelegten Eisenbahnstrecke zur beliebten "Nordbahntrasse" ermöglicht: ein 22 Kilometer langer Fuß-, Rad- und Inliner-Weg. Umgesetzt werden konnte das Projekt erst, nachdem private Sponsoren drei Millionen Euro aufgebracht hatten. Die schuldengeplagte Stadt selbst hatte sich lange gegen das teure Bauvorhaben gewehrt, konnte aber schließlich zum Umdenken bewegt werden.

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Dass die Wende von der Anti- zur Pro-Zweirad-Stadt gelingen kann, zeigt das Beispiel Londons. Seit 2001 hat sich der Radverkehr in der britischen Hauptstadt verdoppelt, auf Hauptstraßen sogar verdreifacht. Leihfahrräder, Tempo-30-Zonen, " Fahrrad-Superhighways" und eine City-Maut haben das Auto als Fortbewegungsmittel für viele Bewohner unattraktiv gemacht. "Inzwischen besteht ein Viertel des morgendlichen Berufsverkehrs aus Fahrrädern", sagt Lilli Matson vom Verkehrsbetrieb Transport for London. Rund 600 000 Fahrten würden täglich per Rad zurückgelegt - "so viel, wie in einer kompletten U-Bahn-Linie".

Von solchen Zahlen beflügelt, investieren auch andere europäische Großstädte: 2018 soll in Wien die erste "Radlangstrecke", das Pendant zum Fahrrad-Superhighway, eröffnet werden.

Die Fördermittel sind knapp

Doch auch Vorbilder können noch etwas lernen. Auf vielen Strecken fühlen sich Radfahrer in London nach wie vor unsicher; 2013 verunglückten sechs Radfahrer innerhalb von zwei Wochen tödlich. "Wir wissen, dass so etwas abschreckend wirkt", sagt Lilli Matson und kündigt eine weitere Sicherheitsmaßnahme an. Ab 1. September dürfen nur noch Lastwagen in die Innenstadt fahren, die mit seitlichen Schutzplanken ausgestattet sind. Diese verhindern, dass Radfahrer unter die Räder rutschen - eine der häufigsten Todesursachen bei Unfällen.

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Ein weiteres Positiv-Beispiel kommt - wieder einmal - aus Dänemark und Holland. Beide Länder betreiben offizielle "Fahrrad-Botschaften": Internet-Portale, bei denen Wissenswertes rund ums Thema Radverkehr vermittelt wird, inklusive geführter Touren zu den Musterstädten. "So etwas brauchen wir in Deutschland auch", meint Bernhard Ensink, Generaldirektor der European Cyclists' Federation. "Wenn man erst einmal ein Bewusstsein für den Radverkehr geschaffen hat, geht vieles leichter."

Ob das stimmt, wird sich bald zeigen, denn die erste deutsche Fahrradbotschaft steckt derzeit mitten in der Gründungsphase. Und noch eine gute Nachricht gibt es für Pedal-Fans: Die Deutsche Bahn hat den Strampel-Trend ebenfalls erkannt. Während Fahrräder im aktuellen ICE noch tabu sind, wird sie der neue "ICx" ab 2017 ausdrücklich willkommen heißen - inklusive Bahncard-Rabatt.

© SZ vom 30.05.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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