Sehr viel Platz und ein mit 75 PS relativ bescheidener Motor
(SZ vom 05.05.1993) Der Bedarf an automobilem Platzangebot ist so individuell, wie es auch die Autofahrer sind: Für den einen kommt nur ein Kleinwagen in Frage, weil er meistens alleine unterwegs ist, während der andere aber für die Familie mit zwei Kindern einen Wagen mit vier Türen und einen Gepäckraum, in den mehr hineinpaßt als nur das Beautycase der Ehefrau, braucht. Doch meistens lassen sich die Hersteller ein ordentliches Raumangebot auf vier Rädern teuer bezahlen - denn in der Regel kauft man in dieser Klasse nicht nur ein Automobil mit einem üppigen Raumangebot, sondern auch gleich Prestige dazu - ob man will oder nicht.
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Daß es auch anders geht, beweist Volkswagen: Der Passat ist eine häufig unterschätzte Limousine, die nach vorherrschender Meinung vor allem in der Variant genannten Kombi-Version von Handwerkern und Vertretern bevorzugt wird. Dabei bietet auch die Limousine bei einer Außenlänge von 4,56 Metern eine hervorragende Beinfreiheit auf allen Plätzen, ein gutes Raumgefühl und ein Kofferabteil, das auch die Urlaubsfahrt nicht zur Qual werden läßt, weil die sieben Sachen nicht auf der Rückbank zwischengelagert werden müssen. Die Preisspanne für den Passat beginnt zudem bei relativ preisgünstigen 30 330 Mark für die CL-Ausführung mit dem 1,8-Liter-Motor, der 55 kW (75 PS) bereitstellt.
Das klingt nach nicht sehr viel für eine Limousine, die doch 1160 Kilogramm wiegt. Und dennoch ist diese Leistung - wie wir erfahren haben - für den Passat in den allermeisten Lebenslagen völlig ausreichend. Das Beschleunigungsvermögen läßt nur in Tempobereichen oberhalb der Richtgeschwindigkeit, die auf deutschen Autobahnen gilt, deutlich nach, und die Höchstgeschwindigkeit von 171 km/h wird erst nach einigem Anlauf erreicht. Dafür erzielten wir in der Praxis Verbrauchswerte von unter zehn Litern auf 100 Kilometer - für diese Größe Auto ein guter Wert. Gar nicht anfreunden konnten wir uns allerdings mit der Schaltung: Ihre Charakteristik würde mit dem Wort 'hakelig' noch beschönigt. Der Rückwärtsgang ließ sich bei unserem Passat zwar leicht einlegen - doch herausnehmen ließ er sich einige Male nur, nachdem der Motor ausgeschaltet worden war - wir wissen nicht warum.
Dafür gibt es mit den anderen Bedienungselementen keinen Ärger: Sie liegen gut zur Hand, die Anzeigeinstrumente sind übersichtlich und klar abzulesen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit läßt es sich auch mit den Türgriffen leben, die - ähnlich wie bei einem Kühlschrank - nach außen gezogen werden müssen. Natürlich muß man in der Basisversion auf einige Annehmlichkeiten verzichten, etwa auf die elektrisch Fensterheber vorne (Aufpreis 680 Mark), die Leseleuchten (83 Mark) oder einen Drehzahlmesser (230 Mark). Ärgerlicher ist es da schon, daß ABS in der Preisklasse noch nicht serienmäßig ist und für 1910 Mark teuer erkauft werden muß. Dafür fällt der Airbag, der sowohl für den Fahrer als auch für den Beifahrer verfügbar ist, mit 1200 Mark sehr preiswert aus.
Der Passat gehört sicher nicht zu den automobilen Highlights, was das Design betrifft. Uns überzeugte er aber durch eine außerordentliche Alltagstauglichkeit, die auch durch die 55 kW (75 PS) starke Basismotorisierung nicht beeinträchtigt wurde. Manchmal kann Magerquark sogar sehr schmackhaft sein - und leichtverdaulich.
Von Otto Fritscher
Wirbel um Obama-Biographie