Die Wolfsburger Knutschkugel kostet mindestens 34 950 Mark
(SZ vom 07.11.1998) "Er ist kein Auto, das noch berühmt, sondern eines, das seinem Ruhm gerecht werden muß". Klaus Kocks, Vorstand Kommunikation des VW-Konzerns, ist sich sicher, daß der Nachfolger des Käfers, der auf den schönen neudeutschen Namen New Beetle hört, nicht zu schwer an der Erblast des jahrzehntelang erfolgreichen Krabbeltiers zu tragen hat. "Er ist nicht die Tochter des Käfers", sagt Kocks, "sondern die Schwester des Golf. " In der Tat steht die knuffige Knutschkugel auf der Plattform des Golf und des Audi A4. Von der Optik her ist das allerdings nicht auszumachen, denn hier durfte sich das Team um Design-Chef Hartmut Warkuß einmal so richtig ausleben: Der New Beetle ist eines der wenigen Autos, bei denen die Funktion der Form folgen muß - und nicht umgekehrt.
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Wenn man mit dem im mexikanischen Puebla gefertigten New Beetle unterwegs ist, fällt zunächst eines auf: Er zaubert ein Lächeln auf die Gesichter vieler Autofahrer und Passanten. Der New Beetle ist ein freundliches Auto, und das haben die Werbestrategen geschickt umgesetzt: "Von Null auf 100?" fragen sie in einer amerikanischen Zeitungsanzeige - und geben die schlichte Antwort: "Ja".
Nimmt man im komfortablen Gestühl des New Beetle Platz, überrascht zuerst einmal die Sitzposition: Man fühlt sich wie in einem Minivan, sogar Zwei-Meter-Männer könnten mit Hut fahren, so gut ist das Raumgefühl. Nur, daß man nicht so hoch wie in einer Großraumlimousine sitzt, auch wenn die Armaturentafel weit in den Fahrzeuginnenraum hineinragt. Störend jedoch: Der New Beetle ist das zur Zeit unübersichtlichste Auto. Man sieht weder, wo er anfängt, noch wo er aufhört. Auf den Rücksitzen können wiederum nur Kinder halbwegs komfortabel mitfahren, denn durch die Wölbung des Daches stößt der Kopf schnell an die Decke. Eine nur relativ kleine Ladeluke bietet der Kofferraum, der im Gegensatz zum alten Käfer hinten angeordnet ist. In vielen Fällen wird es helfen, die Rückbank umzuklappen, das geht zur Zeit aber nur nach dem Motto: ganz oder gar nicht. VW hat Abhilfe versprochen und wird in Zukunft eine geteilt umklappbare Rücksitzlehne anbieten.
Geschickt haben die Designer Modernität und Zitate aus dem Käfer-Leben in Einklang gebracht: den Haltegriff vor dem Beifahrer, die Halteschlaufen an der B-Säule und das Cockpit mit nur einem Rundinstrument, dessen Skala allerdings bis 220 km/h reicht. Überkandidelt wirkt hingegen die Blumenvase direkt rechts neben dem Lenkrad.
Neueren Datums sind die beiden Motoren, die vorerst zur Auswahl stehen: ein 2,0-Liter-Vierzylindermotor, der 85 kW (115 PS) leistet und ein 1,9-Liter-TDI, der es auf 66 kW (90 PS) bringt. Mit beiden ist der 4,08 Meter lange 1,2 Tonnen schwere Wagen ordentlich motorisiert. Mit Ottomotor ist der New Beetle 185 km/h (Diesel: 171 km/h) schnell und beschleunigt in 10,9 Sekunden (Diesel: 13,1) aus dem Stand auf 100 km/h. Der Kraftstoffverbrauch beträgt im Durchschnitt 8,7 (Diesel: 5,2) Liter.
Das Fahrverhalten des New Beetle erweist sich sowohl auf der Autobahn als auch auf der Landstraße als unproblematisch: Es ist relativ straff ausgelegt und dürfte auch höhere Motorisierungen (geplant ist eine Variante mit 150 PS) problemlos verkraften. Das in Deutschland serienmäßige ESP bügelt auch leichte Fahrfehler aus.
Wenn der New Beetle am 27. November zu den Händlern rollt, ist sein Erfolg schon programmiert: Mehr als 200 000 Autofans haben per Internet ihr Interesse an der neuen Rundlichkeit kundgetan, und in Amerika stehen die Fans Schlange vor den Showrooms, so daß VW mit der Produktion gar nicht mehr nachkommt, auch wenn die täglich gefertigte Stückzahl von 400 auf 650 erhöht wurde. Auch der relativ hohe Einstiegspreis von 34 950 Mark (für beide Versionen) scheint die Fans nicht abzuschrecken: 80 000 Autos kommen 1999 nach Europa, die Hälfte davon nach Deutschland. Nur ist es mit 35 000 Mark nicht getan, um einen ordentlich ausgestatteten Beetle zu bekommen: Ohne die 2050 Mark teure Klimaanlage dürfte eine Fahrt im Sommer zur Tortur werden. Komfortpaket mit Zentralverriegelung und elektrischen Fensterhebern für 825 Mark, Lederausstattung 2750 Mark, Metallic-Lackierung 680 Mark, Leichtmetallräder 1345 Mark - nur ein kleiner Auszug aus der Liste. Immerhin ist eine Audioanlage mit acht Lautsprechern Serienausstattung - und kostenlos gibt es etwas dazu, was sich eigentlich gar nicht kaufen läßt: den Wiedergewinn der verlorenen Jugend. Denn wenn man hinter dem Volant Platz nimmt und eine CD der Doors einlegt, ja dann ...
Von Otto Fritscher