Der Turbo-Diesel läuft dem sportlichen GTI den Rang ab
(SZ vom 19.06.1993) Der Blick in den Rückspiegel verrät es - der Wagen, der seit einiger Zeit 'die Verfolgung aufgenommen' hat, ist noch immer da. Der Fahrer des vorderen Autos versucht durch spätes Blinken vor dem Abbiegen, den Hintermann abzuhängen. Das klappt aber nicht. Auch er lenkt seinen Wagen um die Kurve und hält direkt hinter dem Verfolgten, springt aus dem Auto, geht schnellen Schrittes auf seinen Vordermann zu und sagt: 'Entschuldigung, wie ist denn der neue GTI 16 V?' Wir wissen nicht, was ihm der freundliche Golf-Fahrer geraten hat. Aber wir hätten ihm folgendes über den Wolfsburger in dritter Generation gesagt:
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Hatte der Schnelle unter den Golfs bisher 'nur' 95 kW (129 PS), so wurde sein neuer Sohn nun mit einem 2,0-Liter- Motor mit 110 kW (150 PS) ausgestattet. Damit kann zwar - für den Unverbesserlichen - eine Höchstgeschwindigkeit von 215 km/h erreicht werden oder die Tachonadel in 8,3 Sekunden von Null auf Tempo 100 schnellen, aber der Fahrkomfort entspricht bei weitem nicht dem, was vergleichbar motorisierte Wagen anderer Provenienz bieten. Der Motor läuft unruhig und nervös, und nach unserem Geschmack ist das 1090 Kilogramm leichte Auto damit leicht übermotorisiert.
Ganz anders und bedeutend harmonischer verhält sich dagegen sein Bruder, der Turbo-Diesel. Das allseits bekannte Turboloch wurde ausgemerzt, und die 55 kW (75 PS) ermöglichen eine Beschleunigung von Null auf 100 in 15,4 Sekunden und immer noch eine Spitzengeschwindigkeit von 165 Stundenkilometern. Angenehm und überraschend leise ist das 'Nageln', so daß man nur erahnen kann, in welcher Sorte Auto man sitzt.
Auch beim Sitzen ist der Diesel dem GTI weit voraus. So schick die Sportsitze des 16 V sein mögen, bei Menschen, die etwas breiter im Becken sind, können die hochgezogenen Seitenteile Beklemmungsgefühle hervorrufen. Und für die Größergewachsenen unter uns sind die Sitzflächen einfach zu kurz geraten, und auf längeren Strecken bleibt das unbequeme Herumrutschen nicht aus. Bequem dagegen ist das lederbezogene Sportlenkrad, das gut in der Hand liegt und trotz Airbags klein und griffig geblieben ist. Der Airbag für Fahrer und Beifahrer (Aufpreis: 1200 Mark) ist unbestritten sinnvoll, doch geht er auf Kosten eines Handschuhfachs auf der Beifahrerseite. Aber da sonst mit Ablagen in den Türseiten und der Mittelkonsole nicht gegeizt wurde, vermißt man es kaum.
Koffer, Flaschenträger oder Einkaufskörbe müssen dank der nach unten gezogenen Ladekante am Heck nicht mehr gestemmt werden, sondern sind bequem einzuladen. Allerdings hat die Klappe die Griffleiste so weit oben, daß man sich beim Schließen unweigerlich schmutzige Finger holt. Klappt man die Rücksitzbank um, vergrößert sich das Kofferraum-Volumen von 330 auf 1162 Liter.
Der Golf der dritten Generation ist mit seinen Rundungen bulliger geworden, bleibt aber nach wie vor ein praktisches und gutes Mittelklasseauto, das fast keine Wünsche offen läßt. Der GTI 16 V ist für 37 980 Mark zu haben, für den umgänglicheren Turbo-Diesel müssen 26 690 Mark investiert werden.
Von Marion Zellner