Volvo S60 Ab durch die Mitte

Die gut ausgestattete Limousine mit einem Einstiegspreis von 46 490 Mark tritt in der Mittelklasse gegen C-Klasse und 3er-Reihe an

(SZ vom 11.10.2000) Auf der großen Volvo-Plattform mit dem Kürzel P2 bauen vier Modelle auf: der V70-Kombi, die S80-Limousine, ein sportlicher Geländewagen im Stil des BMW X5, der auf der IAA 2001 debütieren wird, und der neue viertürige S60. Der S60 ist zwar um 24 Zentimeter kürzer als der S80, aber in Bezug auf den Radstand liegen beide Autos nur sieben Zentimeter auseinander. Das kompakte Stufenheck überrascht daher mit ungewöhnlich kurzen Überhängen und einer fast schon coupéförmigen Silhouette.

Der S60 ist eine halbe Nummer kleiner als der V70, doch dieser neue Maßstab hat Methode, denn Volvo will in Zukunft die Kombis nicht mehr direkt von den Limousinen ableiten, sondern beide Karosserievarianten miteinander verzahnen. Der neue V50 wird demzufolge eine halbe Nummer größer als der Nachfolger des S40, und der V70 passt ab sofort perfekt in die Lücke zwischen S60 und S80. Einen großen Kombi nach Art des heckgetriebenen V90 wird es künftig nicht mehr geben, aber dafür denkt man in Schweden über ein kompaktes V30-Steilheck im Golf-Format nach.

Der S60 sieht aus allen Blickwinkeln gut aus, doch er ist nicht in allen Disziplinen das erhoffte Raumwunder - vor allem auf den Rücksitzen mangelt es an Kopf- und Beinfreiheit. Dafür misst der Wagen in der Breite stolze 1,80 Meter, und er hat einen überdurchschnittlich großen Kofferraum (424 Liter), der sich bei Bedarf durch Umklappen der Fondlehnen noch erweitern lässt.

Sehr geschmackvoll und funktionell ist das in schlichtem Grau gehaltene Cockpit. Zu den durchdachten Details gehören die in die Kopfstützen integrierten Lautsprecher der Telefon-Freisprecheinrichtung, die Alu-Schaltkulisse im Joystick-Design, die zusätzlichen Belüftungsdüsen in den B-Säulen und der zentrale 4-fach CD-Wechsler. Störend sind allenfalls der zu stark in Richtung Fahreroberschenkel gekrümmte Handbremshebel, die knapp geschnittenen Sitze und die fehlende Sprachsteuerung für das Autotelefon.

Das Fahrwerk des rund 1,4 Tonnen schweren S60 ist zwar im Prinzip mit dem V70/ S80 baugleich, doch in der Praxis ergeben sich unerwartet deutliche Unterschiede. Die bekannten Antriebseinflüsse und das gelegentliche Vorderachs-Poltern treten im S60 nur noch in stark gemilderter Form auf, die Feder-Dämpfer-Abstimmung ist deutlich harmonischer, und auch die manchmal unangenehmen Aufbaubewegungen um die Längs- und Hochachse hat das neue Auto viel besser unter Kontrolle. Selbst der 183 kW (250 PS) starke S60 T5 zerrt bei Vollgas längst nicht so stark am Lenkrad wie seine größeren Schwestermodelle. In Kurven wirkt der S60 neutraler, außerdem liegt er besser auf der Straße und untersteuert weniger stark.

Die Servolenkung ist für europäische Ansprüche allerdings eine Spur zu artifiziell und zu leichtgängig. Bis 130km/h fährt sich der S60 angenehm leise und komfortabel. Leider ist der Wendekreis mit 11,8 Meter nicht mehr so knapp, wie das von früheren Volvo-Modellen noch in Erinnerung ist. Sehr erfreulich: in den Benzintank passen 70 Liter.

Unter der tief ins Gesicht gezogenen Motorhaube (Cw-Wert: sehr gute 0. 28) dominiert der für diese Marke typische Fünfzylinder. Zur Auswahl stehen vier Benziner und vom nächsten Frühjahr an auch ein in Eigenregie entwickelter Fünfzylinder-Diesel als Ersatz für das zugekaufte Audi-Triebwerk. Die günstigste Möglichkeit, S60 zu fahren, bietet der 46 940 Mark teure 2. 4 mit 103 kW (140 PS). Er beschleunigt in 10,2 Sekunden von Null auf 100 km/h, läuft 210 km/h Höchstgeschwindigkeit und verbraucht durchschnittlich 8,4 Liter Super auf 100 Kilometer.

Eine Stufe darüber rangiert der zweite 2,4-Liter-Saugmotor, der 125 kW (170 PS) stark und 50 069 Mark teuer ist. Hier seine Werte: von Null auf 100 km/h in 8,7 Sekunden, 220 km/h Vmax, Verbrauch 8,7 Liter pro 100 Kilometer. Für den 2. 4 Turbo, der 147 kW (200 PS) aus der Kurbelwelle schüttelt, stellt Volvo mindestens 55 546 Mark in Rechnung. Er beschleunigt in 7,6 Sekunden von Null auf 100 km/h und ist maximal 230 km/h schnell. Sein Durchschnittsverbrauch beträgt 9,2 Liter.

Das Topmodell der S60-Reihe ist der T5 mit 184 kW (250 PS), für den man 63 956 Mark überweisen muss. Seine Daten: Null auf 100 km/h in 6,8 Sekunden, 250 km/h Höchstgeschwindigkeit, Verbrauch durchschnittlich 9,3 Liter. Sogar die Klimaanlage ist im Preis enthalten. Im Vergleich zur C-Klasse von Mercedes-Benz, der 3er-Reihe von BMW und dem Audi A4 ist der S60 ein günstiger Kauf. Das Limousinen-Coupé bietet Fahrvergnügen, eine attraktive Optik und eine tadellose Verarbeitung.

Von Georg Kacher