Verkehr Singapur führt die Auto-Obergrenze ein

Autofahren ist Luxus, daran haben sich die meisten Menschen in Singapur bereits gewöhnt.

(Foto: Alphonsus Chern/AP)
  • Vom 1. Februar an wird in Singapur kein neues Auto mehr zugelassen, sofern nicht ein altes dafür verschrottet wird.
  • Die Regierung reagiert damit auf das zunehmende Stauproblem in der Stadt; sie will in den kommenden Jahren mehr als 13 Milliarden Euro in das öffentliche Verkehrsnetz investieren.
Von Arne Perras, Singapur

Wer kennt sie nicht, die Schizophrenie des automobilen Alltags. Geht nichts mehr voran auf dem Asphalt, sitzt man am Steuer und schimpft über den Stau, wohl wissend, dass man selber gerade tatkräftig eben jenes Verstopfungsmonster päppelt, das man verachtet. Es ist der ganz normale Wahnsinn, wie er fast alle Großstädte der Welt erfasst hat.

Da liegt es eigentlich nahe, als Staat mal auf die Bremse zu treten und zu sagen: Schluss damit, es fahren schon genügend Autos herum. Wir geben keine neuen Zulassungen mehr aus. Was vielerorts kleinere oder größere Revolutionen auslösen dürfte, hat der Stadtstaat Singapur jetzt schlicht verfügt: Vom 1. Februar an kann der Fahrer eines Privatwagens nur dann noch eine Zulassung erwerben, wenn das nötige Zertifikat durch Verschrottung eines alten Autos wieder auf den Markt kommt. Nullwachstum im privaten Autoverkehr - und kein Volksaufstand ist in Sicht.

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Nun gibt es sicherlich Länder, in denen es etwas einfacher ist, eine Demonstration zu organisieren, um seinem Ärger Luft zu machen. Gleichzeitig findet man aber auch zahlreiche Singapurer, die eine vorausschauende Verkehrspolitik doch als wichtiges Vehikel für das Fortkommen ihres Gemeinwesens begreifen. Nicht, dass sie Autos per se verabscheuen, ganz im Gegenteil. Das Statussymbol lebt. Superreiche protzen mit ihren Bentleys oder Jaguars. Auf der Einkaufsmeile Orchard Road fahren die Lamborghinis und Ferraris auf und ab. Mal richtig aufdrehen? Das geht zwar gar nicht. Aber immerhin erhöht das Ententempo die Chance, dass die Leute am Straßenrand ausreichend Zeit haben, Fahrer oder Fahrerin mit so viel Power unter der Haube zu bewundern.

Die große Mehrheit hat sich indessen daran gewöhnt, dass Autofahren Luxus ist. Schon die Zulassungen, die online zu ersteigern sind, kosten viel Geld, ihr Preis schwankte die vergangenen Jahre zwischen 30 000 und 60 000 Euro. Dazu kommen hohe Steuern beim Kauf. Angehörige der Mittelschicht können sich deshalb in der Regel kein eigenes Auto leisten. Stattdessen fahren sie Taxi, das billiger ist als in europäischen Großstädten. Oder eben Bus und U-Bahn.

Der Stadtstaat plant weitere Maßnahmen

So ist die Autodichte Singapurs deutlich geringer als anderswo. Auf zehn Bewohner kommt hier ein Privatwagen, in München sind es fast fünfmal so viele. Die Strategie des Staates formulierte ein früherer Verkehrsminister so: "Privates Autofahren kann nicht die Mobilitätslösung für Städte des 21. Jahrhunderts sein." Die Vision erfordert im Gegenzug aber auch ein günstiges und sehr feinmaschiges öffentliches Verkehrsnetz, an dem der Stadtstaat seit Jahrzehnten fleißig baut.

2017 beschloss die Regierung, dafür in den kommenden Jahren mehr als 13 Milliarden Euro auszugeben, sodass künftig acht von zehn Familien weniger als zehn Minuten zu einer Haltestelle in ihrer Nähe laufen müssen. Geplant ist außerdem, das System der City-Maut weiter zu modernisieren, die Behörden wollen die fälligen Straßengebühren bald mithilfe eines GPS-gesteuerten Systems eintreiben. So hofft der Staat, den Autoverkehr noch genauer zu steuern und die Staugefahr zu mindern. Denn auf Verzögerungen oder Störungen reagieren die Singapurer recht empfindlich.

"Unser Land ist so klein. Wir haben gar nicht genug Platz, um noch mehr Autos auf die Straße zu lassen", sagt der Elektrofachmann Kian Ann. "Wir müssen uns einschränken, ob wir wollen oder nicht." Singapur hat kaum noch Möglichkeiten, Straßen auszubauen, da der Asphalt bereits zwölf Prozent der Staatsfläche bedeckt, beinahe so viel, wie die Wohnanlagen in Anspruch nehmen. Ann hat das Gefühl, dass der Verkehr ohnehin schon zu dicht geworden ist. Insofern findet er es plausibel, die Zahl der Autos einzufrieren.

Die Stau-Schmerzgrenze liegt bei Singapurern deutlich niedriger als bei asiatischen Nachbarn. Im Stadtstaat trommeln Fahrer schon genervt aufs Lenkrad, wenn sie es beim zweiten Mal Grün noch nicht über die Ampel geschafft haben. Besucher aus Manila oder Jakarta müssen darüber schmunzeln. Sie wissen, was ein Moloch ist. Von winzigen Staus wie in Singapur können sie in ihren verstopften Metropolen nur träumen.

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