"Urban Outlaw" Magnus Walker Gesetzloser mit Rauschebart

Porsche-Sammler Magnus Walker und sein Lieblingsspielzeug, ein Porsche 911 T von 1972.

(Foto: STG)

In Los Angeles lebt einer der verrücktesten Porsche-Sammler der Welt. Magnus Walker nennt sich selbst "Urban Outlaw", Gesetzloser der Stadt. Und so fährt er auch.

Von Steve Przybilla

War die Ampel wirklich schon grün? Schwer zu sagen bei dem Tempo. Schemenhaft fliegt Los Angeles am Fenster vorbei. Passanten winken, Autos hupen, manche bremsen abrupt. Was wohl jetzt in Magnus Walker vorgeht? Unter dem langen Bart und den Dreadlocks ist sein Gesicht kaum zu erkennen. Er zieht den weiß-roten Porsche 911 mit der aufgemalten Startnummer 277 auf die rechte Spur, schaltet in den dritten Gang. Dann gibt er, natürlich unangeschnallt, Vollgas, mitten in der Stadt, ein Mann im Temporausch.

Der Name ist Programm, Urban Outlaw nennt er sich selbst, ein Gesetzloser der Stadt. Mindestens einmal am Tag macht er einen solchen Ausflug - manchmal über die Serpentinen des Pacific Coast Highway, manchmal nur eine kurze Runde um den Block. "Es kommt dabei alles zusammen", sagt Walker, "der Sound, der Geruch und das Gefühl, wie das Blut durch deine Adern rauscht." Urban Outlaw, das ist mehr Marke als Name, denn Imagepflege ist in diesem Geschäft fast genauso wichtig wie Pferdestärken.

Umstrittene Ikone mit Lamellen

Als der Ferrari Testarossa 1984 vorgestellt wird, bricht er radikal mit den bisherigen Designgrundsätzen der Marke: schamlos und spektakulär, neon und pastell, ein authentisches Abbild der Achtziger. Kein Wunder, dass viele eingefleischte Ferraristi noch heute die Nase rümpfen. mehr ...

Das Erscheinungsbild täuscht

Magnus Walker, 46, gehört zu den leidenschaftlichsten Porsche-Sammlern der Welt. "Dabei entspreche ich so gar nicht dem Bild des typischen 911-Fahrers", sagt der Gesetzlose, während sich ein Lächeln unter dem Rauschebart abzeichnet. Alles an ihm ist wild und zugleich sorgsam bedacht: die abgenutzten Lederstiefel, die bunt tätowierten Arme, die Baseballmütze mit Firmenlogo. Die längste Strähne seiner Mähne reicht bis zum Oberschenkel. Käme Walker in eine deutsche Bank, würde der Kundenberater vermutlich den Sicherheitsdienst rufen. Doch das Erscheinungsbild täuscht. Der gebürtige Brite, der mit 15 Jahren die Schule schmiss und mit 19 sein Heimatland verließ, hat viel Geld auf dem Konto. "Mein Hobby wurde zur Leidenschaft und die Leidenschaft zum Geschäft", sagt er, nun sehr überlegt und gar nicht mehr so ungezähmt, wie das Äußere vermuten lässt.

Für Walker ist der amerikanische Traum wahrgeworden. "Ich kam mit 200 Dollar hier an und habe erst mal nur an Sex, Drogen und Rock 'n' Roll gedacht", sagt der Porsche-Fan, nun wieder ganz der Outlaw. Um sich über Wasser zu halten, stöberte er auf Flohmärkten nach gebrauchter Kleidung, um sie erneut zu verkaufen. Heute, fast 30 Jahre später, gehört dem Auswanderer ein eigenes Modelabel. Sogar Madonna gefalle seine auf alt getrimmte Rock-and-Roll-Kleidung. "Das Geschäft läuft so gut, dass ich mir um mein liebstes Hobby keine Sorgen machen muss", freut sich Walker. Es ist die Euphorie des kleinen Arbeiterjungen aus Sheffield, der mit zehn Jahren einen Brief an die deutsche Porsche-Zentrale schrieb. "Ich wollte meinen eigenen Porsche entwerfen", sagt Walker, "und sie antworteten mir, dass ich mich noch einmal melden soll, wenn ich alt genug bin."

Wenn Walker Gas gibt, dann richtig.

(Foto: STG)

Direkter Draht nach Stuttgart

Der Zeitpunkt ist wohl inzwischen gekommen. Zwar bastelt Walker lieber an seiner eigenen Sammlung, aber mit dem Unternehmen aus Stuttgart steht er noch immer in Verbindung. Im März lud ihn Porsche auf die Oldtimer-Messe "Techno Classica" ein, um Autogramme am Firmenstand zu geben. "So jemand ist natürlich immer ein Hingucker", sagt Porsche-Sprecherin Helga Ohlhäuser, "auch wenn er bei uns noch nicht ganz so bekannt ist wie in anderen Ländern."

Die Wirkungsstätte des 911-Meisters liegt in der Innenstadt von L. A. Wer es nicht weiß, fährt einfach vorbei. Der Imbissverkäufer, der gegenüber Tacos anbietet, kennt den Urban Outlaw nicht. Auch die Nachbarn, die nur Spanisch sprechen, haben noch nie von ihm gehört. Das alte Industrieareal gehörte einmal zu den Gegenden, um die man lieber einen großen Bogen machte, vor allem nachts. Doch das Viertel wandelt sich. Alte Fabriken werden zu Wohnhäusern, spielende Kinder treten an die Stelle von Drogendealern.

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Wieder hatte Walker dieses Gespür fürs Geschäft, das er selbst als Bauernschläue bezeichnet: "Ich musste für das Gebäude fast nichts bezahlen. Die Besitzer waren froh, als sie es loshatten." Zusammen mit seiner Frau Karen restaurierte er die 3000 Quadratmeter große Halle, setzte ein Stahltor vor den Hof, hängte Porsche-Rennposter an die Backsteinwände. Das Obergeschoss wurde zum Arbeits- und Wohnbereich, inklusive Teppich mit britischem Union-Jack-Muster. Im Erdgeschoss wohnen seine Lieblinge: 20 Porsche-Modelle, sorgsam gebettet auf Parkettboden.

Die heilige Halle hat etwas von einem Museum, auch wenn der Outlaw das gar nicht gerne hört. Akkurat stehen die polierten Autos nebeneinander, an den Wänden hängen Spiegel und Poster von Amateurrennen, die Walker schon gefahren ist. "Es gibt viele Leute, die größere Sammlungen als ich haben", sagt er schließlich, "aber das Besondere ist, dass meine nicht nur rumstehen, sondern auch rauskommen." Erst durch Kratzer, Steinschläge und Matsch am Kotflügel bekomme ein Auto eine Seele. "Es will gefahren werden, es verlangt danach."