Unfallforschung Linksabbiegen verletzt 18 Menschen täglich

Fußgänger leben gefährlich: Bis zu neun Prozent der Autofahrer achten laut einer aktuellen Studie überhaupt nicht auf Passanten. Unfallforscher fordern deshalb neue Lichtsignale, um Fußgänger zu schützen. Im Feldversuch hat das bereits geklappt.

Von Christopher Schrader

In der Sprache der Verkehrsplaner heißen sie "nicht verträgliche Ströme". Im Alltag liegen oft Vokabeln wie "natürliche Feinde" oder "Täter und Opfer" näher. Linksabbieger mit dem Auto und Fußgänger, die ihnen als letztes Hindernis vor der Weiterfahrt vor die Motorhaube laufen, sind oft nicht gut aufeinander zu sprechen. Pro Tag werden in Deutschland 18 Menschen bei einem Linksabbiege-Manöver schwer verletzt, jeden zweiten Tag gibt es dabei statistisch gesehen einen Toten, wie die Unfallforscher im Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (UDV) feststellen. Allerdings erfassen die Zahlen sowohl Autoinsassen, die bei einer Kollision mit dem Gegenverkehr zu Schaden kommen, als auch verletzte Passanten.

Da verunsichert die Fußgänger eine Zahl besonders, die gerade in Amerika ermittelt wurde: Vier bis neun Prozent der Autofahrer achten überhaupt nicht auf Fußgänger, wenn sie links abbiegen. Das Forscherteam um David Hurwitz von der Oregon State University hatte 27 Versuchspersonen in einen Fahrsimulator gebeten. Sie saßen vor Lenkrad und Armaturenbrett, drei große Bildschirme zeigten die simulierte Straßenszene, drei kleine die Ansicht in den Rückspiegeln. Eine kleine Kamera über den Augen erfasste derweil, wohin die Probanden blickten.

45 Minuten lang sollten die Teilnehmer immer wieder links abbiegen, mit mehr oder weniger Autoverkehr und Fußgängern. War viel los, konzentrierten sich die Teilnehmer auf den Gegenverkehr und den gelb blinkenden Richtungspfeil an der Ampel, hatten aber für Fußgänger nur flüchtige Blicke übrig. Und bei immerhin 32 der gut 600 ausgewerteten Manöver sahen die Autofahrer überhaupt nicht zu den Passanten, die bei Grün losgingen. "Auf ihren markierten Streifen haben Fußgänger oft ein falsches Gefühl der Sicherheit", sagt Hurwitz, "dabei erleiden sie dort mehr Unfälle als irgendwo sonst auf den Straßen."

Das Ergebnis aus Oregon ist nicht durch die für Europäer merkwürdige Platzierung amerikanischer Ampeln zu erklären, die oft mitten über der Kreuzung baumeln. "Das ist jedenfalls nicht unsicherer als die deutschen Verhältnisse", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforscher im UDV. "Es ist eine Frage der Gewöhnung." Allerdings könne eine Studie wie die aus Oregon, die die Blickrichtung von Versuchspersonen analysiert, allenfalls Hinweise auf Gefahrenmomente geben. "Meist sehen die Autofahrer die Fußgänger noch mit der peripheren Sicht, die die Geräte nicht erfassen können."

Eine Gefahr beim Linksabbiegen erkennen aber auch die deutschen Unfallforscher. Sie fordern darum, neue Kreuzungen mit Linksabbiegerspuren und einer Vier-Phasen-Schaltung zu planen. Dann hat der Geradeausverkehr einschließlich der Fußgänger Grün, bevor grüne Pfeile den Abbiegern signalisieren, dass ihnen niemand in die Quere kommt. Das schränke den Verkehrsfluss kaum ein und halbiere die Unfallkosten. Vorzeigeobjekt ist eine große Kreuzung in Nürnberg, die umgerüstet wurde. Dort wurde danach bei zwei statt bei 19 Unfällen pro Jahr jemand verletzt.