Trotz Euro-6-Abgasnorm Mär vom sauberen Diesel

Viele moderne Dieselmotoren stoßen zu viel Stickoxide aus, obwohl sie die Euro-6-Abgasnorm erfüllen.

(Foto: dpa)

Eine aktuelle Studie entlarvt neue, angeblich schadstoffarme Dieselmotoren als Dreckschleudern. Sie stoßen mehr Stickoxide aus als erlaubt. Nun droht das Ende des Diesel-Booms.

Von Christof Vieweg

Daimler spricht vom "saubersten Diesel" der Welt, BMW rühmt sich, mit seinen Selbstzündern "Eco-Tests" gewonnen zu haben und der Verband der Automobilindustrie (VDA) betont einmal mehr die "Vorreiterrolle in puncto Sauberkeit und Effizienz". Die Rede ist von Diesel-Personenwagen, die bereits jetzt die ab September 2015 gültige Euro-6-Abgasnorm erfüllen.

Autos dieser Kategorie sollen pro Kilometer nur noch 80 Milligramm schädlicher Stickoxide ausstoßen - das sind immerhin rund 55 Prozent weniger als nach der bisherigen Euro-5-Regelung. Soweit die Theorie. Ein Test der Delfter Prüforganisation TNO entlarvt die angeblich "saubersten Diesel" als Dreckschleudern, die in der Praxis nicht besser als alte Selbstzündermodelle sind. Bei ihrer Untersuchung, im Auftrag des niederländischen Umweltministeriums fanden die TNO-Ingenieure heraus, dass die neuen Euro-6-Dieselmodelle auf der Straße nicht 80, sondern zwischen 500 und 800 Milligramm Stickoxide emittieren. Der zulässige Grenzwert wird also in Wahrheit um das Sieben- bis Zehnfache überschritten.

Tricksen für den Normverbrauch

Die Schere zwischen der Normangabe und dem tatsächlichen Verbrauch geht bei vielen Autos weit auseinander. Schuld ist der veraltete Testzyklus, der leicht zu überlisten ist. Doch Besserung ist in Sicht. Von Thomas Harloff mehr ...

Andere Studien aus Norwegen und Deutschland bestätigen die TNO-Ergebnisse. Der ADAC hatte bereits vor Jahren bei Euro-6-Dieselmodellen tatsächliche Stickoxidwerte von bis 1100 Milligramm pro Kilometer gemessen. Damit entlarven unabhängige Experten erneut eine seit langem bekannte Methode der Autohersteller. Die Firmen programmieren Motoren und Abgasreinigungstechnik ihrer Modelle so, dass die Schadstofflimits nur beim EU-Test auf dem Rollenprüfstand eingehalten werden. Misst man die Schadstoffemissionen dagegen im tatsächlichen Stadt-, Überland- und Autobahnverkehr liegen die Werte um ein Vielfaches über den gesetzlichen Vorschriften.

Nur einer von neun Dieseln hält im realen Verkehr die Stickoxid-Grenzwerte ein

Der EU-Abgastest stammt noch aus den 1980er-Jahren. Während der 20-minütigen Tour auf dem Rollenprüfstand erreichen die Autos nur eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 33,6 km/h. So kommt es, dass die neuen Euro-6-Dieselmodelle unter idealen Testbedingungen mit vorbildlichen Abgaswerten glänzen. Nur eines von neun getesteten Dieselfahrzeuge hält laut TNO den Stickoxid-Grenzwert auch unter realen Fahrsituationen ein. Die Abgasemissionen der anderen Selbstzünder seien in der Praxis nicht besser als die älterer Euro-4- und Euro-5-Modelle. Der Unterschied zwischen den Ergebnissen bei der Abgasmessung auf dem Prüfstand und den tatsächlichen Emissionen der Fahrzeuge werde in jüngster Zeit immer größer, beklagt die holländische Prüforganisation.

So kommen Sie mit Ihrer Tankfüllung weiter

Start-Stopp-System, Bremsenergierückgewinnung und Schubabschaltung: Die Autobauer tun heute vieles, um ihren Autos das Trinken abzugewöhnen. Deutlich mehr Potenzial als bei diesen Technologien liegt aber beim Fahrer. Zehn Tipps zum Spritsparen. Von Thomas Harloff mehr ...

Eine Aktualisierung des unrealistischen Abgasmessverfahrens ist in der EU erst für Herbst 2017 geplant. Dann soll eine Regelung in Kraft treten, die man in Brüssel unter dem Begriff "Real Driving Emissions" diskutiert. Die Autohersteller sollen die Schadstoffwerte unter realistischeren Fahrbedingungen nachweisen - also auch bei hohem Autobahntempo, wenn Dieselmotoren prinzipbedingt große Stickoxidmengen ausstoßen.

Nur AdBlue macht den Diesel wirklich sauber

"Die physikalischen Grenzen der Emissionsreduzierung sind erreicht", heißt es beim VDA. Nur ein Verfahren habe noch Zukunftschancen: Die Abgasreinigung mittels des Zusatzstoffs AdBlue, der die Stickoxide auf chemischem Wege umwandelt. AdBlue befindet sich in einem separaten Tank am Wagenboden, wird regelmäßig in den Abgasstrom gespritzt und muss deshalb ebenso regelmäßig von den Autobesitzern nachgetankt werden. Damit, so der VDA, sei "der Diesel so sauber wie ein Benziner". Man könnte also auch gleich einen Benziner kaufen und viel Geld sparen, denn das AdBlue-Verfahren ist ebenso komplex wie teuer. Ein Mercedes E220 Bluetec mit der AdBlue-Abgasreinigung kostet beispielsweise rund 600 Euro mehr als das gleiche Modell mit herkömmlicher Abgastechnik.

Fachleute sagen ein Ende des Diesel-Booms voraus. Für Klein- und Kompaktwagen lohnt sich die aufwendigere Abgasreinigungstechnik nicht mehr. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland bereits sechs Prozent weniger Diesel-Pkw neu zugelassen als 2012.