211 PS beflügeln die Kompaktlimousine wie einen Sportwagen
(SZ vom 29.04.1998) Schweller, eine klobig wirkende Lufthutze auf der Motorhaube, auf dem Kofferraum ein rot lackierter Spoiler und vielleicht noch bunte Zierstreifen auf den Flanken - automobile Insignien aus der Zeit, als die GTIs und GSIs vor allem bei Jungdynamikern hoch im Kurs standen. Doch inzwischen trägt man den Pelz eher nach innen. Deshalb gibt es jetzt Autos, die im harmlos wirkenden Blechkleid einer Familienkutsche daherkommen, und die erst auf den zweiten Blick zeigen, was in ihnen steckt. So ein Fall ist der Impreza Turbo, der Golf-Konkurrent von Subaru, der sich bei uns als kleiner Fisch im großen Teich der Kompaktklasse tummelt.
Anzeige
Rennsport als Hobby
Der Spoiler auf dem Kofferraumdeckel der Stufenhecklimousine deutet halbwegs dezent an, daß hier kein normaler Kompakter steht; die Karosserie ist tiefergelegt und steht satt auf der Straße. Wenn man in dem auch für lange Strecken gut konturierten Sportgestühl Platz genommen hat, rückt die große Wölbung in der Motorhaube, durch die der Motor mit einer Extra-Portion Frischluft versorgt wird, in das Blickfeld. Und spätestens nach dem Drehen des Zündschlüssels wird klar, daß hierbei kein Show-Tuner an der Arbeit war, sondern japanische Ingenieure, deren Hobby der Rennsport ist.
In dem Vierzylinder-Triebwerk mit "nur" 2,0 Liter Hubraum werden 211 Pferdestärken wach, wenn sie per beherztem Tritt auf das Gaspedal gefordert werden. Diese 155 kW ermöglichen fulminante Fahrleistungen: Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 231 Stundenkilometer, der Spurt von Null auf 100 Stundenkilometer kann in 6,4 Sekunden absolviert werden. Dabei wandert der Zeiger des Drehzahlmessers hart an die Grenze des roten Bereiches, der erst bei 7000/min beginnt. Leise gebärden sich die Renngäule dabei nicht, aber wer sich solch ein relativ harmlos wirkendes, aber äußerst leistungsstarkes Gerät anschafft, der will auch hören, was unter der Haube los ist.
Dabei ist dieser Impreza ein Vertreter der alten Turbo-Schule, keine aufgeladene Maschine mit dem Zusatz Soft, wie er neuerdings vor allem aus Skandinavien kommt. Der Hard-Turbo scheint bei weniger als 2500/min noch zu schlafen, ein schaltfaules Dahinbummeln im vierten oder fünften Gang ist nicht möglich. Das Aggregat will häufig geschaltet werden, was mit dem präzisen, aber einen relativ hohen Kraftaufwand benötigenden Schalthebel kein Problem ist. Das Fahrwerk kommt mit dem Leistungspotential gut zurecht, es ist aber deutlich härter abgestimmt als in der zivilen Ausgabe des Impreza. Die Leistung wird ohne durchdrehende Reifen auf die Straße gebracht, da der Impreza Turbo - wie jeder in Deutschland verkaufte Subaru - über permanenten Allradantrieb verfügt.
Ein subjektiver Schwachpunkt scheinen die Bremsen zu sein: Nicht, daß sie schlecht verzögern würden, aber wenn aus hohem Tempo plötzlich abgebremst werden muß, macht sich bemerkbar, daß man ein eher leichtes Auto und keine schwere Limousine fährt: Man begibt sich auf eine Art "Schlingerkurs", was aber dank ABS kein Problem ist. Und da wäre noch ein anderes Problem: der Benzinverbrauch. Im Alltagsverkehr flossen bei uns rund zwölf Liter Super durch die Einspritzdüsen, es können aber auch erheblich mehr sein, bei reinem Stadtverkehr oder im Geschwindigkeitsbereich weit oberhalb der Richtgeschwindigkeit.
Gute Alltagsqualitäten
Dafür ist der Anschaffungspreis des fünftürigen Impreza Turbo durchaus als günstig zu bezeichnen: 50 390 Mark verlangt Subaru für dieses Kraftpaket, das allerdings nur in sehr kleinen Stückzahlen in Deutschland verkauft wird. Denn die Kombination von vielen Pferdestärken unter der Haube im Kleid einer braven Familienlimousine scheint nur auf wenige Fans zu stoßen. Dabei hat der Impreza Turbo durchaus die Alltagsqualitäten, die zu einem Auto der Golf-Klasse gehören: Er ist kompakt genug für die Innenstädte, groß genug für den Familienurlaub und variabel genug für den Großeinkauf.
Das gilt natürlich erst recht für die schwächer - eigentlich müßte man sagen: normal - motorisierten Varianten des Impreza. Man muß schon Rennsport-Fan sein, um sich dieses Auto anzutun - und man braucht eine verständnisvolle Familie, die dem Kind im Mann sein feuerrotes Spielmobil gönnt.
Von Otto Fritscher
Vor dem ESC-Finale in Aserbaidschan