In einem Münchner Spezial-Leihhaus, dem ersten und einzigen seiner Art, werden Autos zu Geld gemacht. Und obwohl die Finanzierung nicht billig ist, blüht das Geschäft.
Wer den Weg in die Wasserburger Landstraße Nummer 149 findet, braucht Geld - dringend, unbürokratisch, bar auf die Hand. Kein Problem, "innerhalb von 20 Minuten halten unsere Kunden einen Stapel Scheine in der Hand", verspricht Günter Urban. Er betreibt Münchens erstes und einziges Pfandleihhaus, das Kraftfahrzeuge aller Art beleiht.
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In der großen Ausstellungshalle im Osten von München hat man Schwierigkeiten, sich auf seinen Gesprächspartner zu konzentrieren. Der Blick schweift immer wieder ab, auf die noblen Karossen, die hinter Urban thronen: ein vierzig Jahre altes Buick Coupé, grün mit weißem Dach, die giftgrünen Ledersitze tiptop in Schuss. Daneben ein schwarzer Daimler DB 18, Baujahr 1950. "Der stammt aus dem Fuhrpark der Queen Mum", verkündet Urban stolz. Außergewöhnlich ist auch das nächste Auto in der Reihe: das beigefarbene Willys Chaepster Cabriolet hat bereits 55 Jahre auf dem Buckel, glänzt aber wie neu.
Die Autos, die hier in Reih und Glied stehen, wurden alle irgendwann einmal verpfändet - und nie wieder eingelöst. Das Geld, bis zu 60 Prozent des aktuellen Marktwerts, was bei Oldtimern locker 15 000 Euro und mehr bedeuten kann, ist erst einmal weg. Was dem Pfandleiher in solchen Situationen bleibt, ist die öffentliche Versteigerung.
Findet sich allerdings kein Bieter, der wenigstens den Mindestpreis in Höhe der Kreditsumme plus aufgelaufener Finanzierungskosten für das gute Stück zahlen will, geht das Eigentum an das Pfandleihhaus über. "Dann versuchen wir, das Auto zu verkaufen", sagt Urban. Kaum zu glauben, dass die Besitzer ihre schmucken Karossen dem Schicksal überlassen. Da scheint der finanzielle Engpass sehr groß gewesen zu sein. Der Verlust des Liebhaberstücks muss schmerzen.
Schmerzhaft ist das Geschäft mit der Pfandleihe normalerweise nicht. Wer seinen fahrbaren Untersatz ins Leihhaus bringt, holt ihn in "90 Prozent der Fälle" auch wieder ab. So läuft es normalerweise. Ein schnelles Geschäft - ohne Schufa-Eintrag, ohne Einkommensnachweis, ohne Offenlegung der finanziellen Verhältnisse. Keine Fragen, keine Erklärungen und schon gar keine langen Wartezeiten.
Nach einer Probefahrt und einer einschlägigen Begutachtung des Wagens wird er in die 1500 Quadratmeter große Halle chauffiert. Der klamme Eigentümer erhält dafür den gewünschten Betrag - höchstens 50 bis 60 Prozent des Wiederverkaufswerts. Nach spätestens drei Monaten ist Zahltag. Sobald die geliehene Summe inklusive der Zinsen und Gebühren vom Kunden zurückgezahlt wird, darf das Auto die Garage wieder verlassen.
Günstig ist diese Art der Finanzierung allerdings nicht. Pro Monat fallen ein Prozent Zinsen an, dazu kommen vier Prozent Pfandleihgebühr plus einer Standgebühr, die sich nach der Größe des Fahrzeugs berechnet. "Wir nehmen alles, was motorisiert ist - angefangen vom Motorrad über Pkw, Lkw bis hin zu Segelbooten oder Omnibussen", erklärt Urban. Für einen Pkw fallen täglich drei Euro für die Unterbringung an. Insgesamt beliefen sich die Kosten für einen einmonatigen Kredit über 10 000 Euro auf 590 Euro. Umgerechnet auf ein Jahr lägen die Kosten für einen Kredit bei gut 70 Prozent.
Aber eine so lange Laufzeit ist ausgeschlossen - Pfandleihkredite sind auf drei Monate beschränkt. Meist parkt Urban die Autos noch viel kürzer in seiner Garage. "Wer hierher kommt, muss in der Regel nur vorübergehende finanzielle Engpässe überbrücken, zwei oder drei Wochen vielleicht, manchmal zwei bis drei Monate. Und natürlich sollte der Kreditnehmer sein Fahrzeug entbehren können." Ein Pendler werde wohl kaum auf die Idee kommen, sein Auto zu verpfänden, sagt Urban.
Welche Kunden sind es denn dann, die ihren Wagen gegen Bargeld tauschen? "Auf jeden Fall sind es weder die ganz Reichen, noch die ganz Armen", sagt Urban süffisant. "Die Reichen haben keine Kredite nötig, die Armen haben kein Auto." Häufig sind es Geschäftsleute, denen Urban aus der Klemme hilft. "Nehmen sie zum Beispiel einen kleinen Handwerksbetrieb.
Sobald der einen Auftrag bekommt, braucht er einen Vorschuss zum Materialkauf. Den finanziert er sich mittels der Pfandleihe", weiß Urban. "Zahlt der Auftraggeber dann die erste Rate, wird der Wagen ausgelöst." Und da ein Betrieb meist einen kleinen Fuhrpark unterhalte, sei es kein Problem, vorübergehend auf ein Fahrzeug zu verzichten.
So manchen Wagen stellt Urban sogar jeden Monat aufs Neue für ein, zwei Wochen in seinen Lagerraum. Die Kosten für die Pfandleihe schlage der Unternehmer im Übrigen auf seine Rechnung drauf. Da spielt es keine große Rolle, dass die Verpfändung eines Fahrzeugs teurer ist als ein Bankkredit. Keine Bank zahlt so schnell Geld aus, wenn es hakt. Und immer öfter zahlt sie überhaupt nicht. "Die Kreditinstitute sind vorsichtig geworden", sagt Urban.
Seinem Geschäft kommt das zu Gute. Etwa 100 Fahrzeuge, vom alten Opel Corsa bis zum teuren Ferrari, stehen derzeit in der Garage an der Wasserburger Landstraße. "Im letzten Jahr konnten wir unseren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent steigern", berichtet Urban. Genaue Umsatzangaben will der Geschäftsführer des Pfandleihhauses nicht verraten. Er sagt nur, dass er im einstelligen Millionenbereich liege. Bundesweit betrugen die Umsätze mit Pfandkrediten im ersten Halbjahr 2003 rund 65 Millionen Euro.
Urban schätzt, dass ein Zehntel davon auf das Geschäft mit Autos entfalle. Insgesamt gebe es etwa eine Handvoll Leihhäuser für Kraftfahrzeuge in ganz Deutschland. Traditionell werden eher Uhren oder Schmuck ins Pfandleihhaus getragen. Das kann Urban jedoch nicht nachvollziehen: "Ehering hat man doch nur einen, den darf man nicht weggeben. Wer hingegen ein Fahrzeug zu mir bringt, hat meistens zwei."
(SZ vom 26.02.2004)
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