Großer Spritpreis-Vergleich So teuer tankt Deutschland

Vor Ostern erhöhen Aral, Shell und Co wieder die Spritpreise - bis heute kann das Kartellamt den Konzernen aber keine Absprachen nachweisen. Deshalb müssen die Tankstellen seit kurzem die Preise offenlegen. Die Analyse dieser Daten zeigt, wer am teuersten ist, wann es sich zu tanken lohnt - und wie die Preise enstehen. Mit interaktiver Grafik.

Von Marc Beise, Wolfgang Jaschensky, Thomas Harloff und Lutz Knappmann

Man mag ja noch so viel sprechen über E-Autos, Car-Sharing und überhaupt den Trend weg vom Auto, es bleibt dabei: Die Deutschen sind ein Volk von Spritfressern. Knapp 60 Millionen Kraftfahrzeuge sind auf deutschen Ämtern zugelassen, und die meisten von ihnen verbrauchen Benzin, diese Kohlenwasserstoffverbindung, die der geniale englische Naturforscher Michael Faraday schon 1825 in geleerten Leuchtgas-Behältern entdeckte. Speziell Motorenbenzin ist ein komplexes Gemisch aus weit mehr als hundert überwiegend leichten Kohlenwasserstoffen, das in Raffinerien aus Erdöl gewonnen wird und auf dem Weg zum Verbraucher immer teurer wird. Mit dem Sprit und seinem Preis ist es den Deutschen ernst. Erst recht vor Feiertags- und Ferienwochenenden, wenn der Literpreis sich wie von Geisterhand und von Tankstelle zu Tankstelle im Gleichklang bewegt - und beim Autofahrer den Eindruck hinterlässt, maximal abkassiert zu werden.

Was ist dran an den Verschwörungstheorien?

Abkassiert: Noch im Jahr 1973, als unter Bundeskanzler Willy Brandt erstmals, und bis heute nicht wiederholt, vier autofreie Sonntage angesetzt wurden, da kostete ein Liter Normalbenzin etwa 70 Pfennig. Heute sind es etwa 1,53 Euro für die Sorte E-10.

Seither ranken sich reichlich Verschwörungstheorien um den Spritpreis. Doch selbst das Bundeskartellamt, das kraft Gesetzesauftrag unzulässige Preisabsprachen aufdecken soll, hat keine gesetzwidrigen Machenschaften der Ölkonzerne und ihrer Tankstellen nachweisen können. Vor drei Jahren brachte der "Abschlussbericht zur Sektoruntersuchung Kraftstoffe" die Erkenntnis, im Tankstellengeschäft herrsche ein "marktbeherrschendes Oligopol" - mehr aber auch nicht. Die Benzinkonzerne halten dagegen, dass der Preis sich sauber nach Angebot und Nachfrage bilde, so wie das in der Marktwirtschaft ja sein soll.

Höchste Zeit, jene Zahlen zu untersuchen, die Deutschlands Tankstellen seit kurzem qua Gesetz preisgeben müssen: Die "Markttransparenzstelle für Kraftstoffe" des Bundeskartellamts sammelt seit Dezember die Spritpreise aller Tankstellen in Echtzeit und stellt sie einigen Verbraucher-Informationsdiensten zur Verfügung. Einer davon, die Internetseite "clever-tanken.de", hat der Süddeutschen Zeitung einen umfangreichen Datensatz überlassen: jede einzelne Preisänderung aller deutschen Tankstellen im März 2014, für die Sorten E-10 und Diesel.

Zum ersten Mal lässt sich damit die Entwicklung der Benzinpreise strukturiert auswerten, zumindest für einen Zeitraum von vier Wochen. Die großen Verschwörungstheorien lassen sich damit zwar noch nicht be- oder widerlegen, wohl aber wichtige Hinweise für das Tankverhalten der Autofahrer herauslesen und ein paar verbreitete Sprit-Mythen hinterfragen.

Jener Mythos etwa, dass Sonntag und Montag die günstigsten Tage zum Tanken sind. Im März waren sie das nicht. So wie auch kein anderer Wochentag in der Auswertung der Preise strukturell hervorstach. Es lohnt sich für Autofahrer demnach nicht, ihr Tankverhalten an Tagen auszurichten.

Aral ist teuer, Jet ist billig

Wohl aber an der Marke: Marktführer Aral war im März am teuersten, mit Durchschnittspreisen von 1,523 Euro pro Liter E-10 und 1,402 Euro je Liter Diesel. Mit einem Abstand von 0,4 Cent folgt bei beiden Kraftstoffen Shell. Als billigster Anbieter erwies sich die Kette Jet, die bei E-10 im Schnitt 4,6 Cent und beim Diesel sogar fünf Cent unter den Preisen von Aral lag.

Aral betreibt die teuerste Tankstellenkette Deutschlands.

(Foto: SKI)

Aral erklärt den Preisunterschied mit dem Premiumanspruch der Marke. Das Unternehmen investiere viel Geld in Kraftstoffforschung und Qualitätskontrollen, sagt ein Konzernsprecher.

Die Differenzen rühren aber auch daher, dass die großen Markenanbieter besonders häufig Zapfsäulen an Autobahnen oder in Stadtzentren betreiben. Dort können sie mehr verlangen als etwa am Stadtrand, wo günstige Supermarkttankstellen um die Gunst der einkaufenden Autofahrer buhlen. Das beeinflusst die Statistik - und liefert Indizien für: Marktwirtschaft. Ganz ausgeschaltet, so scheint es, ist der Wettbewerb im Tankstellengeschäft also nicht.

Billiger Sprit in Nordrhein-Westfalen

Darauf deuten auch die regionalen Unterschiede hin: Am günstigsten ist die Tankfüllung in der Hauptstadt. Mit durchschnittlich 1,486 Euro für den Liter E-10 und 1,36 Euro für Diesel sind die Preise in Berlin am niedrigsten. Auch in Ballungsräumen wie Bremen, Hamburg oder im Ruhrgebiet lässt sich günstig tanken. Von den 100 billigsten Tankstellen in Deutschland liegen besonders viele in Nordrhein-Westfalen. In Metropolregionen gebe es schlicht mehr Wettbewerber, die im Kampf um Kunden die Preise nach unten trieben, argumentiert Jürgen Albrecht vom ADAC. Allerdings: "Nicht nur die Zahl der Wettbewerber ist wichtig." Es komme auch darauf an, wie aggressiv diese an der Preisgestaltung mitwirkten.

Manche gehen dabei bemerkenswert aggressiv vor: Shell, die zweitgrößte Tankstellenkette in Deutschland, änderte ihre Preise im März pro Station durchschnittlich mehr als 13 Mal am Tag, bei Aral waren es deutlich weniger, nämlich knapp 9 Preisschritte. Beide Ketten justieren zwischen 19 und 20 Uhr besonders häufig. Während Anbieter wie Jet, Agip, Esso, OMV und Andere ihre größte Preisrunde zwischen 21 und 24 Uhr durchführten. "Nur die Marktführer haben die Macht, ihre Preise durchzusetzen", sagt Clever-Tanken-Geschäftsführer Steffen Bock, "alle anderen richten sich nach den Marktführern und ziehen ihre Preise nach." Derart fiebrige Ausschläge der Spritpreiskurve sind eine Reaktion auf eine schrumpfende Nachfrage: "Ende der Neunzigerjahre gab es zwischen 50 und 60 Preisänderungen pro Jahr", sagt der Aral-Sprecher. "Seitdem ist Kraftstoffabsatz kontinuierlich gesunken, aber es gibt es kaum weniger Tankstellen. Über die Preisänderungen wird versucht, dies aufzufangen."

Den Autofahrern ist dieses Verhalten schwer zu vermitteln. "Die Verbraucher ärgern sich mehr über die Preisänderungen als über die Preise an sich", sagt Richard Enning, als Vorstand zuständig für das Tankstellengeschäft des Autowäsche-Anbieters Mr. Wash. "Die Preissensibilität ist zwar da, aber sie könnte noch größer sein. Das zeigt das Beispiel E10: Viele Kunden könnten das billigere E10 tanken, greifen aber zum teureren E5."

Obwohl Benzinpreis und Kundenverhalten also reichlich kompliziert sind, bringen immer mehr Daten immer mehr Klarheit. Zum Beispiel die, dass man unabhängig von der Spritsorte zwischen 17 und 19 Uhr am günstigsten tankt. Und dass es ab 20 Uhr mit den Preisen steil nach oben geht.