Speed-Bike Das schnellste Fahrrad der Welt

In acht Sekunden auf 263 km/h: François Gissy ist kein Pedalritter wie jeder andere. Er steuert eine Rakete auf zwei Rädern. Sie denken, das sei verrückt? Sie sollten mal sein Motorrad sehen.

Von Steve Przybilla

Gäbe es James Bond wirklich, er würde vor Neid erblassen. Oder Tüftler Q sofort losschicken, um auch so etwas zu basteln. Die Rede ist von einem Geschoss auf zwei Rädern. Ein Fahrrad, das mit Pedalkraft so wenig am Hut hat wie ein Speed-Boot mit einem Floß. Eine Rakete aus Metall, die innerhalb von acht Sekunden auf 263 km/h beschleunigt. Eine Wahnsinnsmaschine! Dass so etwas nicht nur im Spionage-Thriller geht, haben über eine Million Menschen auf Youtube verfolgt. Am 19. Mai startete der Franzose François Gissy mit seinem Bike der Marke Eigenbau auf einer abgesperrten Landstraße durch - vorbei an einem aufgemotzten Subaru Impreza STI, den er trotz eines Vorsprungs von 150 Metern wie einen Traktor überholte. Fehlte nur noch, dass Gissy mit seinem Raketen-Rad abgehoben wäre. Aber auch das komme vielleicht noch. Sagt er.

Wer ist bloß dieser Mann, den alle nur aus dem Internet kennen? Ein Draufgänger, der sich nichts daraus macht, im schlimmsten Fall mitsamt seines experimentellen Antriebs in die Luft zu fliegen? Ein Adrenalin-Junkie? Ein genialer Bastler? "Wahrscheinlich", sagt Gissy, "bin ich ein bisschen von allem." Der Ort, in dem der 30-Jährige wohnt, wirkt alles andere als abenteuerlich. Ranspach, ein 800-Seelen-Dorf mitten im Elsass, hat außer einer Landstraße, einer Kirche und ein paar Bistros nicht viel zu bieten. Womöglich war es diese Idylle, die Gissys Sehnsucht nach Action und Geschwindigkeit weckte. Oder sein vergleichsweise normaler Beruf. Gissy arbeitet als Schulbusfahrer, wohnt noch im Elternhaus und verbringt nach eigenen Angaben jede freie Minute damit, etwas für sein außergewöhnliches Hobby zu tun.

Auf 280 km/h in 4,5 Sekunden

Der Empfang in Ranspach ist herzlich, geradezu überschwänglich. Stolz posieren Gissy und seine Eltern vor der Hayabusa Turborocket, die die Familie im Garten aufgebaut hat. Von vorne sieht das Motorrad wie ein normales Serienmodell aus. Erst am Heck wird's exotisch: Das Hinterrad wurde durch eine kastenartige Metallkonstruktion ersetzt, an deren Ende ein Breitreifen befestigt ist. Überall Rohre, Ketten, Tanks und eine analoge Druckanzeige. "Die Turborocket ist noch viel heftiger als das Raketen-Bike", sagt der Pilot und fängt sofort damit an, die technischen Details runterzurattern: umgebaute Suzuki-Maschine, Wasserstoffperoxid-Antrieb, Höchstgeschwindigkeit 280 km/h innerhalb von 4,5 Sekunden.

"Dieser Antrieb ist extrem gefährlich", sagt Gissy. "Erinnerst du dich noch an das sowjetische Atom-U-Boot Kursk? Das ist in die Luft geflogen, weil eine Wasserstoffperoxid-Leitung leckte." Gissy kostet die Aura des Gefährlichen aus, bevor er sich auf das Turbo-Motorrad setzt. Mit seiner schlanken Statur und dem lockigen, schulterlangen Haar verkörpert er nicht das Klischee des athletischen Extremsportlers. Er wirkt er wie ein Bastler, ein verrückter Professor. "Schon seit seiner Kindheit interessiert er sich für Physik", sagt die Mutter "Der ganze Schrank steht voller Bücher." Der Vater lacht: "Dieses Motorrad ist was Besonderes. Aber der Lärm ist schrecklich, als ob ein Flugzeug abhebt."

Konstruiert der 31-Jährige die Gefährte wirklich selbst? Woher hat ein Schulbusfahrer das Wissen dazu? Gissy schmunzelt. "Ich fahre", sagt er. "Aber das Genie ist jemand anderes." Er meint Arnold Neracher. Der 64-Jährige Chemiker ist das, was "Q" bei James Bond verkörpert: der stille Schrauber im Hintergrund, ohne den das Ganze nicht möglich wäre. "Wir telefonieren sehr oft", sagt Gissy. "Manchmal besuche ich Arnold auch in Montpellier und wir tun eine Woche nichts anderes, als an unseren Ideen zu arbeiten." Kennen gelernt haben sich die beiden an einer Teststrecke. "Ich habe schon als Schüler immer bei diesen verrückten Shows zugeschaut", erzählt Gissy. Irgendwann habe er den Schöpfer der Geschosse dann einfach mal angesprochen. Seither arbeiten sie zusammen. Mit im Team ist auch der als "Jet Man" bekannte Schweizer Yves Rossy, der Nerachers Erfindungen ebenfalls häufig testet - und mindestens genauso oft im Internet zu sehen ist.

Nur ein bisschen verrückt

Man muss verrückt sein, um diese Freizeitbeschäftigung ernsthaft zu betreiben. Zumindest ein bisschen. "Mit dem Raketen-Fahrrad und speziellen Reifen könnten wir sogar übers Wasser schweben", schwärmt Gissy. "Das wäre wie bei Jesus, nur schneller." Er sagt das völlig ernst, ohne einen Anflug von Ironie. Das nächste Ziel sei schön längst gesetzt, verrät der Speed-Pilot. In weniger als vier Sekunden wolle man mit einem neuen Motorrad auf 300 km/h beschleunigen. Einzige Voraussetzung: Es müssten sich Sponsoren finden, die das Experiment bezahlen. Besonders optimistisch sieht Gissy das offenbar nicht. "Frankreich ist ein Dritte-Welt-Land, was den Motorsport angeht. Wir mussten Monate suchen, um eine Teststrecke für den letzten Versuch zu finden." Ewig habe er warten müssen, bevor die Behörden eine Genehmigung ausstellten.

Mehrere Tausend Euro ihres Privatvermögens haben die Schrauber bisher in den Spaß gesteckt. "Jetzt sind wir am Limit", seufzt Gissy. "Wir bräuchten mindestens 50 000 Euro, um das Ganze ernsthaft weiterzutreiben." An Ideen mangelt es nicht, eher an Sponsoren. Für Gissy völlig unverständlich: "Unsere Beschleunigungsrekorde sehen Millionen von Menschen. Welche bessere Werbung kann es für ein Unternehmen geben?" Mit viel Mühe - und privatem Geld - zogen der Selfmade-Ingenieur und sein Pilot den letzten Rekordversuch durch. Hinterher hat sich eine Firma wieder gemeldet, die sie vorher erfolglos angesprochen hatten. "Man habe schließlich nicht wissen können, ob unsere großspurigen Ankündigungen auch wirklich seriös seien." Ans Aufhören denkt der Tüftler jedenfalls nicht. Seit Neracher vor 20 Jahren die ersten Tests im heimischen Wohnzimmer gemacht hat, ist es schließlich immer irgendwie weitergegangen. "Wir haben Dinge gebastelt, die andere nicht für möglich gehalten haben. Dann werden wir es doch wohl schaffen, ein paar Sponsoren zu finden."