Solar-Impulse-Pilot Bertrand Piccard Mit der Kraft der Sonne einmal um die Welt

Ikarus wird Realität: 2010 soll das erste bemannte Solarflugzeug der Welt in die Luft gehen - mit Pilot Piccard und Solar Impulse.

Interview: Cathrin Hegner

Psychiater, Pionier und Pilot - vor zehn Jahren ist Bertrand Piccard als Erster mit einem Heißluftballon um die Welt geflogen. Heute präsentiert er gemeinsam mit seinem Partner André Borschberg auf dem Flughafen Dübendorf in der Nähe von Zürich den Prototypen seines neuen Solarflugzeugs: Solar Impulse hat die Spannweite eines Airbus und das Gewicht eines Kleinwagens. Ab 2012 wollen Piccard und Borschberg mit einem vergleichbaren Modell Tag und Nacht die Erde umrunden.

sueddeutsche.de: Sie wollen mit einem Solarflugzeug um die Welt fliegen, ohne Treibstoff und immer möglichst nah an der Sonne. Sind Sie so etwas wie ein moderner Ikarus?

Bertrand Piccard: In der griechischen Mythologie wollte Ikarus vor König Minos fliehen und dem Labyrinth des Minotaurus entkommen. Solar Impulse will mit Hilfe neuer Technologien einer Welt entfliehen, die komplett abhängig ist von fossilen Energien. Tatsächlich kann man beides also vergleichen.

sueddeutsche.de: Bei Ikarus ging das Abenteuer nicht gut aus. Sind Sie sicher, dass Ihr Prototyp fliegt?

Piccard: Natürlich haben wir viele Tests und Simulationen am Computer durchgeführt, aber der Moment der Wahrheit kommt dann, wenn wir versuchen, zum ersten Mal vom Boden abzuheben. Die ersten Testflüge sind für diesen Herbst geplant.

sueddeutsche.de: Nach fünf Jahren Planung und Konstruktion wollen Sie 2010 die ersten Nachtflüge wagen und ab 2012 die Weltumrundung in zunächst fünf Etappen. Warum dauert das so lange?

Piccard: Sie müssen wissen, dass ein solches Flugzeug noch nie zuvor in der Luftfahrtgeschichte gebaut worden ist. Wir müssen einen komplett neuen Flugzeugtyp entwickeln, alles am Computer kalkulieren, simulieren, jedes Teil einzeln testen und dann das Zusammenwirken aller Teile optimieren. Die Entwicklung von einem weißen Blatt Papier hin zu einem revolutionären Flugzeug, das etwas bislang komplett Unmögliches schaffen soll, dauert eben ein bisschen. Schließlich wollen wir nicht die gleichen Probleme wie Ikarus bekommen.

sueddeutsche.de: Solar Impulse hat mit fast 64 Metern die Spannweite eines Airbus A340 und ist mit 40 PS so leistungsstark wie ein Motorrad. Wird dieses Flugzeug jemals alltagstauglich sein?

Piccard: Als Charles Lindberg 1927 den Atlantik überquerte, war er allein an Bord und sein Flugzeug komplett mit Treibstoff gefüllt. Jeder sagte damals: Toll, wenn wir in die USA fliegen wollen, müssen wir alle Piloten werden und ein eigenes Flugzeug besitzen. Und 25 Jahre später saßen 250 Passagiere in jedem Flugzeug, das den Atlantik überquert hat. Sicher, wir fliegen mit einer Riesen-Spannweite und weil wir 400 Kilogramm Batterien an Bord haben, können wir nur eine Person, den Piloten, mitnehmen. Aber wer weiß: Vielleicht haben wir in 25 Jahren andere Technologien, die 250 Passagiere mit Solarenergie befördern können. Wir müssen die Tür einmal öffnen, um herauszufinden, was auf der anderen Seite ist.

sueddeutsche.de: Was wollen Sie mit diesem Projekt erreichen?

Piccard: Wir glauben, wenn ein Flugzeug dazu in der Lage ist, ohne Treibstoff und ohne Schadstoffemission rund um die Welt zu fliegen, kann keiner mehr sagen, es sei unmöglich, erneuerbare Energien im Alltag zu nutzen - für Autos, Klimaanlagen und Computer zum Beispiel. Wir wollen ein Signal setzen: Es ist heute schon möglich, mit Hilfe neuer Technologien die Zukunft unseres Planeten zu sichern.

sueddeutsche.de: Der Einsatz erneuerbarer Energien ist oft mit Zusatzkosten und mit Komfort- oder Mobilitätseinschränkungen verbunden. Müssen wir uns nicht damit abfinden, dass die wenigsten Menschen dazu bereit sind?

Piccard: Leider werden erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit von vielen als Bedrohung für den Lebensstandard gesehen. Schließlich haben grüne Parteien rund um den Globus lange genau so argumentiert: "Wir müssen uns einschränken, um die Umwelt zu schützen." Viele Menschen denken, erneuerbare Energien seien teuer und unattraktiv. Wir wollen mit Solar Impulse eine positive, erstrebenswerte Vision vermitteln. Wir wollen zeigen, dass das größte Abenteuer des 21. Jahrhundert darin besteht, Energie zu sparen. Das ist der einzige Weg, um in Zukunft nicht schlechter, sondern besser zu leben.

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