Juan Carlos Cena, Ex-Eisenbahner und Schriftsteller, schimpft über das "Märchen vom Defizit", das Züge angeblich verursachten. Die sozialen Kosten eines untauglichen Verkehrssystems würden ignoriert. Ohne Eisenbahn werde es "niemals wieder ein wirkliches souveränes, unabhängiges, entwickeltes und solidarisches" Argentinien geben, sagt Cena. Er nennt die neoliberalen Deregulierer ferrocidas, Eisenbahnmörder. Immerhin beginnt die Politik, ihre Fehler einzusehen. 2006 verabschiedete die Regierung Néstor Kirchner den Megaplan Eisenbahn, der Millioneninvestitionen vorsieht; sogar ein Hochgeschwindigkeitszug nach Vorbild des französischen TGV soll entstehen. Doch die Realität sieht anders aus: Reaktivierte Strecken werden oft gleich wieder dichtgemacht, weil das marode Rollmaterial streikt.

Anzeige

Wie ein Dinosaurier

In Mexiko und Brasilien funktioniert immerhin der Güterverkehr noch. In Bolivien hat Präsident Evo Morales die Strecke zum Titicacasee instand setzen lassen, der wöchentliche Zug wird in den Dörfern bestaunt wie ein Dinosaurier. Auf der Anschlussstrecke in Peru müssen die Marktfrauen in Juliaca erst ihre Stände wegräumen, wenn die Bahn kommt. In Costa Rica verursacht der reaktivierte Vorortzug in San José immer wieder Unfälle, weil die Passanten nicht mehr daran denken, dass auf Schienen Züge fahren.

Die Menschen seien der Bahn entwöhnt, sagt Samuel Rachdi. Er möchte sie wieder daran gewöhnen - und zwar von der idyllischen Zentralschweiz aus. In Steinen am Lauerzersee betreibt Rachdi seine Einsatzzentrale - natürlich in einem alten Bahnhof. Er hat dort so ziemlich jeden Fahrplan auf Lager, er gibt eine sehr sachkundige Zeitschrift über die Bahnen dieser Welt heraus und stellt exotische Zugreisen zusammen. Durch ihn entstand der Verein "Freunde Lateinamerikanischer Bahnen". Er soll kein Zirkel fachsimpelnder Freaks sein, betont Rachdi, sondern eine echte Lobby.

Mehr als ein Zug nach Nirgendwo

Deshalb haben Rachdi und 40 Mitstreiter die "Asociación Internacional para el Fomento de los Ferrocarriles Latinoamericanos (Aiffla)" gegründet - eine Genossenschaft, die bei lateinamerikanischen Verkehrsbetrieben und Regierungen vorstellig wird, wenn wieder eine Stilllegung droht. Eine Sisyphusarbeit für Nostalgiker? "Nein", sagt der 50-Jährige. Manchmal müsse man die Verantwortlichen nur auf Ideen bringen, viele seien falsch beraten. Die Aiffla hält sich zugute, unter anderem in Peru die Strecke Lima-Huancayo, in Argentinien den Old Patagonia Express und in Brasilien die Linha do Vale do Contestado gerettet zu haben. Es geht um das Bewusstsein, dass Eisenbahn mehr sein kann als ein Zug nach Nirgendwo.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Letzter Zug nach Nirgendwo
  2. Ära der Stilllegung
  3. Sie lesen jetzt Wie ein Dinosaurier
Leser empfehlen 

(SZ vom 11.05.2009/jw)