Rückrufe bei Autoherstellern Das Spardiktat und seine Folgen

Mechaniker checken einen zurückgerufenen Toyota Prius.

(Foto: dpa)

Die Autobauer rufen Millionen von Fahrzeugen zurück. Grund dafür sind meist Einzelfälle und Verdachtsmomente. Die Hersteller nehmen horrende Kosten zähneknirschend hin. Dabei sind die Rückrufe zum Großteil das Ergebnis von Strukturproblemen der Branche.

Der weltgrößte Autobauer Toyota ruft aktuell knapp 242.000 Autos wegen Problemen mit den Bremsen zurück. Am Dienstag teilte Ford mit, dass 465.000 Fahrzeuge in die Werkstätten müssen, um sie auf Leckstellen am Tank zu untersuchen.

Bei Toyota seien nach Herstellerangaben vor allem der Erfolgs-Hybrid Prius und Hybride der Nobelmarke Lexus betroffen. Ein möglicher Leistungsabfall beim Bremsbeschleuniger könne zu einer Verzögerung beim Bremsen führen. Das Teil könne brechen. 117.000 Autos würden in Japan zurückgeholt, 91.000 in Nordamerika und 30.000 in Europa. Berichte über Unfälle oder Verletzte wegen der Probleme habe es aber nicht gegeben.

Die Kunden dulden keine Aufschläge für Eigenentwicklungen

Auch Ford sagt, dass es bisher keine Verletzten gegeben habe. Das Problem sei - unter anderem beim Bestseller Ford Fusion - ein Modul im Tank, das die Kraftstoffversorgung regele. Dort könne Benzin austreten und es bestehe Brandgefahr. Theoretisch. Praktisch jedoch gebe es bislang keine Berichte über dadurch ausgelöste Feuer.

Seien es nun theoretische Regressforderungen oder der gute Ruf: Die vielen aktuellen Rückrufe deuten nach Ansicht eines Experten aber vor allem auf ein strukturelles Problem in der Autobranche hin. "Wir haben eine Wertschöpfungsverlagerung zu den Zulieferern", sagte Branchenkenner Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. "Das ist kostengetrieben." Zulieferer spezialisierten sich häufig auf einzelne Komponenten, die sie in Massen herstellen und dadurch günstiger anbieten könnten. "Diese Komponenten können nicht nur in einem, sondern in einer Vielzahl von Modellen eingesetzt werden."

Um Kosten zu sparen, ließen Autobauer sich mittlerweile verstärkt von externen Anbietern beliefern, statt die einzelnen Teile selbst zu fertigen, sagte Bratzel. Das sei eine Folge des Wettbewerbs: "Kein Kunde ist bereit, mehr zu bezahlen, weil der Hersteller etwas selbst entwickelt hat."

Druck auf die Zulieferer steigt

Die häufigen Rückrufe in jüngerer Vergangenheit seien auch eine Folge des zunehmenden Drucks auf die Zulieferer, meint der Experte. "Preis- und Zeitdruck nehmen zu. Wenn ich den habe, kann auch mal eher etwas passieren." Wegen der Absatzkrise in Europa fahren viele Autohersteller derzeit einen harten Sparkurs, den sie zum Teil auch an ihre Zulieferer weitergeben. Die sollen ihre Teile nicht nur schneller, sondern auch billiger anbieten. Dennoch ist die Komplexität der Fahrzeuge gewachsen, der hohe Grad der Elektrifizierung verkompliziert die Fahrzeuge zudem.

Ein Rückruf ist für die Hersteller sehr kostenintensiv. Genaue Zahlen der Kosten sind laut Bratzel immer nur im Einzelfall zu ermitteln, weshalb generelle Aussagen über ihre Höhe unmöglich sind. Sie richten sich nach der Arbeitszeit der Werkstatt, dem Wert des Tauschteiles und der Zahl der Rückrufe.

Dennoch scheint den Herstellern der Aufwand eines Rückrufs das geringere Übel im Vergleich zum drohenden Imageverlust zu sein. Doch es gibt auch Ausnahmen: Chrysler wehrt sich aktuell gegen den Automatismus der Branche und legt sich mit der US-amerikanischen Verkehrssicherheitsbehörde (NHTSA) an. Die verlangt einen Rückruf wegen einer angeblichen Feuergefahr. Chrysler sagt, die Wagen seien sicher und erklärte, die Behörde habe in ihrer Analyse eine Reihe an Fehlern begangen. Eigene Aufzeichnungen aus den vergangenen 30 Jahren zeigten, dass nur bei einer "extrem geringen Anzahl" an Fahrzeugen nach einem Auffahrunfall Sprit ausgetreten oder sogar ein Feuer ausgebrochen sei. Die von der NHTSA angeführten Unfälle seien dabei teils so fatal gewesen, dass sogar heutige Standards keine Sicherheit geboten hätten.