Asphalt statt Dachziegel: Mit einem neuen Städtebaukonzept will die russische Hauptstadt dem Verkehrschaos begegnen und die Autos auf den Häuserdächern fahren lassen.
Morgens um fünf Uhr ist die Welt in Moskau noch in Ordnung. Der Moloch schläft, nur vereinzelt rumpeln rostige Lastwagen über die breiten Ringstraßen, in den Seitenstraßen dösen Polizisten in ihren viel zu kleinen Lada-Limousinen. Für die gut 30 Kilometer vom Flughafen Scheremetjewo ins Zentrum braucht man um diese Zeit weniger als eine Stunde, tagsüber dauert es vier bis fünf Mal so lang. Dass nur vier Kilometer vom Kreml entfernt die neue Moscow City heranwächst, sieht man vom Roten Platz aus nicht - goldene Zwiebeltürme leuchten als perfekte Postkartenidylle im ersten Morgenlicht.
Unter dem Namen El(evated)City plant Roland Lipp einen kreuzungsfreien, kreisförmig fließenden Einbahnverkehr auf mindestens zwei Ebenen. (© Foto: Roland Lipp)
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Marodes Verkehrsnetz
Der benachbarte Russia Tower, der in vier Jahren wachsen soll und mit 612 Meter das dann höchste Gebäude Europas sein wird, steht erst auf dem Papier. Die Morgenidylle trügt, denn tatsächlich findet sich um den Roten Platz schon jetzt das teuerste Pflaster der Welt; so sind die Lebenshaltungskosten für Ausländer höher als in Tokio oder London. Viele der 18 Millionen Moskowiter dagegen sitzen die Wohnungsnot in unrenovierten Sozialbauten aus, obwohl die Gewinne im Wohnungsbau "höher als beim Handel mit Drogen" seien, so ein Insider.
Doch so schnell, wie die Menschen aus allen Himmelsrichtungen in die Metropole strömen, kann die Stadt die hässlichen Wohnblöcke gar nicht hochziehen. Auch die Straßen sind hier traditionell eine einzige Baustelle. Früher wurde das marode Verkehrsnetz mehr oder weniger halbherzig geflickt, heute wird es im großen Stil ausgebaut. Das Ergebnis ist dasselbe: Kurz vor acht Uhr geht nichts mehr in der Hauptstadt der Extreme. Die U-Bahnen sind komplett verstopft und auf den bis zu zehnspurigen Ringstraßen herrscht bestenfalls Schritttempo.
PS gleich Prestige
Moskau ist das beste europäische Beispiel für eine Boom-Town, die schneller wächst, als die Stadtplaner nachkommen. Und auch der Automarkt profitiert vom neuen Wohlstand: Mit rund 3,2 Millionen Verkäufen wird Russland 2008 erstmals den bisherigen Spitzenreiter Deutschland überholen. "Der russische Markt wird noch unterschätzt", sagte BMW-Chef Norbert Reithofer kürzlich bei der Vorstellung des neuen Siebener - prompt wurde die Premiere auf dem Roten Platz so pompös inszeniert wie sonst nirgendwo auf der Welt. Ex-Kommunisten haben viel nachzuholen, deshalb zeigen sie sich am liebsten in Chauffeurslimousinen und großen Geländewagen. Die meisten Zwölfzylinder-Topmodelle gehen mittlerweile nach China und Russland.
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