Renaissance der Tram "Die Auftragsbücher der Hersteller sind gut gefüllt"

Immer mehr Fahrgäste nutzen öffentliche Verkehrsmittel in Großstädten. Straßenbahnen werden darum immer wichtiger. Dabei galten sie lange als veraltet. Doch die Finanznot der Kommunen und moderne Techniken verhelfen dem Verkehrsmittel zu einer ungeahnten Renaissance.

Von Klaus Koch

Es ist eine Straßenbahn, in der Omar Sharif alias Doktor Schiwago erstmals auf Larissa Antipowa trifft, die seine große Liebe wird und ihn durch die russische Revolution begleitet. Eine Tram spielt auch im James-Bond-Streifen "Der Hauch des Todes" eine Rolle, in dem eine schöne Cellistin samt Instrumentenkoffer vor ihren Verfolgern zu fliehen versucht. Woran man sehen kann, dass sich Fahrgäste mit schwerem Gepäck, Kinderwagen oder Handicap schon damals schwertaten in den alten Wagen.

Schienenfahrzeuge im Straßenraum standen lange Zeit für den Charme der Großstadt; für urbanes Leben, das sich mit lautem Quietschen, Kreischen und Klingeln den Weg durch das Gewühl der Innenstädte und Stadtkerne bahnt. Doch seit einigen Jahren ist eine Renaissance dieses Nahverkehrsmittels in Gang, die mit moderner Technik, einer geänderten Wahrnehmung des ÖPNV, des öffentlichen Verkehrs, in Bezug auf die Entlastung der Umwelt und schnittigem Design daherkommt. Für Michael Beitelschmidt eine klare Sache. "Die Auftragsbücher der Hersteller sind gut gefüllt", sagt der Lehrstuhlinhaber an der Fakultät für Verkehrswissenschaften der TU Dresden.

Straßenbahn bedeutet auch Lärmbelästigung

Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Individualverkehr zunahm, wurde die Straßenbahn in vielen Ballungsräumen, in denen sie kurz zuvor noch eine stürmische Entwicklung von der Pferdebahn über die Elektrifizierung bis hin zum Großraumwagen durchgemacht hatte, als Anachronismus betrachtet. An manchen Kreuzungen sah und sieht das Gewirr an Oberleitungen heute noch aus, als habe jemand in einem Erdbebengebiet mit notdürftig über die Straßen gespannten Drähten und Kabeln die Stromversorgung wieder in Gang setzen wollen. Dabei gibt es kaum etwas Eindrucksvolleres, als den schweren Drehschalter, das vielen noch aus der Jugendzeit bekannte Rattern, mit dem einst die elektrischen Kontakte einer zentnerschweren Fahrkurbel auf ihren Positionen einrasteten. Die Geräuschkulisse wurde manchem mit der Zeit lästig. Wen wundert's, dass die Tram schon mal drauf und dran war, abgeschafft zu werden.

In Berlin nahm 1881 erstmals eine Elektrische den Versuchsbetrieb auf, die nach heutigem Verständnis als "echte Straßenbahn" durchgehen würde: In technikverliebtem Überschwang wollte Werner von Siemens eigentlich gleich eine Hochbahn bauen, musste sich dann aber mit einem ebenerdigen Testgleis in Lichterfelde begnügen. Der Strom für den Antrieb floss zunächst durch die Schiene. Damit niemand einen Stromschlag bekam, musste der Fahrweg eingezäunt werden. Erst später wurde die Gefahr dadurch gebannt, dass die Kabel nach oben kamen.

Fast jede Stadt wollte ihre eigene Tram. Aber als in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Deutschland die ersten Nachkriegs-U-Bahnen, realisiert wurden, schienen die Tage der Tram wieder gezählt. Strecken wurden stillgelegt und durch Busse ersetzt. Hamburg mit seiner Hochbahn entledigte sich 1978 der Straßenbahn. Neue Pläne für eine Strecke zwischen Bramfeld und Winterhude verschwanden erst dieser Tage wieder in der Schublade.

Straßenbahnnetze sind günstiger als die Infrastruktur für U-Bahnen

In vielen anderen Städten haben die Verkehrsplaner inzwischen aber erkannt, dass die Straßenbahn mit Platz für rund 200 Fahrgäste zwischen Bus und U-Bahn, die bis zu 800 Personen aufnehmen kann, eine günstige Zwischengröße einnimmt. Zumal die Investitionen für Metros schnell dreistellige Millionensummen erreichen und vor allem von Städten mittlerer Größe kaum zu tragen sind. In Straßburg etwa entstanden seit 1994 fünf neue Straßenbahnlinien, weitere in Karlsruhe, Freiburg und Ulm. Dresden freut sich über neue Niederflurwagen, die Probleme beim Einstieg erleichtern. Auch in Berlin, wo Straßenbahnen zeitweilig nur noch im Ostteil verkehrten, reagieren die Verkehrsbetriebe mit Neubaustrecken auf die Entwicklung der Fahrgastzahlen. Ampelschaltungen, die der Schiene an Kreuzungen und Einmündungen Vorrang einräumen, beschleunigen die Reisezeiten.

Weltweit gibt es laut dem Internationalen Verband für Öffentlichen Verkehr UITP 400 Straßenbahn-Unternehmen. 60 Linien, von Jerusalem über Istanbul bis hin zu zehn neuen Strecken in den Vereinigten Staaten, sind in Bau, weitere 200 geplant. Sogar die Golfstaaten, das mögliche Ende ihres Ölbooms vor Augen, investieren in "Light Railways", den Kompromiss zwischen Eisenbahn und Straßenverkehr.