Praxistest: Golf Variant 2007 Der größte Golf aller Zeiten

Kaum mehr ein Kompakter. Und doch erinnert sich VW mit dem neuen Kombi an alte Tugenden. Ein Auto für Familien soll er sein. Für Familien, wie sie wirklich sind.

Von Joachim Becker

Gerne und notwendigerweise vermelden wir an dieser Stelle oft, was Ingenieure und Designer kühn entwerfen. Doch die mutigsten Visionäre sind die Marketingstrategen, denn sie erfinden uns, die Kunden.

Laderaum für eine ganze Europalette: der neue Variant.

(Foto: Foto: Hersteller)

Wer wissen will, was er künftig denken, fühlen und kaufen wird, muss nur in die Marktprognosen schauen. Da wuseln wir als moderne Familien oder kaufkräftige Best Ager durch Vorgärten und Edel-Lofts.

Immer scheint die Sonne und alle sind ganz weiß angezogen, egal bei welcher Automarke. Alles ist so schön und erhaben wie die blitzblanken Autos, die geräuschlos durch den Film gleiten. Eine Götterwelt, nur: Götter kaufen keine Autos. Und wir, gleichsam undankbar, verhalten uns nicht immer nach Plan. Der Golf Variant ist dafür das beste Beispiel.

Denn nach dem Willen der VW-Strategen dürfte es diesen Kombi gar nicht geben. Spät, aber entschlossen hatten sie mit Touran und Golf Plus auf den Trend zu kompakten Hochdachautos gesetzt.

Für Traditions- und Kostenbewusste war in diesem Szenario kein Platz, weshalb der Golf Variant vor einem Jahr einfach aus dem Portfolio verschwand. Nach 1,2 Millionen verkauften Exemplaren in zwei Generationen gab VW so freiwillig ein Kernsegment der Marke auf und entließ die treuesten Kunden.

Keine Mucki-Show

Wer an dem Klassiker hing, konnte ja den Škoda Octavia Combi kaufen. Das musste genügen, aber: Es genügte den Stammkunden nicht.

Viel zu spät und nach lautstarker Kritik begann die Weiterentwicklung des VW-Golf-Derivats Jetta zum Viertürer. Herausgekommen ist der größte Golf aller Zeiten. Der Variant sieht nicht mehr aus wie ein Lieferwagen - und ist doch ganz der Alte geblieben.

Von wegen Lifestyle-Kombi: Der neue Viertürer ist mit 4,55 Meter ähnlich lang wie ein Audi A4, doch mit den Muskelspielen der Szene-Laster will dieser VW nichts zu tun haben.

Kleinspediteure wird freuen, dass jetzt eine Euro-Palette mühelos durch die Ladeluke passt. Im Vergleich zum Vorgänger ist der neue Variant knapp fünf Zentimeter breiter und fast 16 Zentimeter länger geworden. Mit fünf Personen an Bord hat der Neue immer noch Platz für 505 Liter Gepäck bis zur Fensterkante, bei umgeklappten Rücksitzen passen 1495 Liter in den topfebenen Laderaum - 80 Liter mehr als beim Vorgänger.

Von soviel kann ein A4 nur träumen

Serienmäßig fährt ein doppelter Ladeboden mit, in dem sich zwei flache Staufächer verbergen. Wird der Deckel aufgestellt und fixiert, lässt sich das 1,70 Meter lange Gepäckabteil geschickt gliedern. Ein Audi A4 Avant kann von so viel Variabilität nur träumen, wegen der größeren Radhäuser ist sein Gepäckabteil zudem stärker zerklüftet. Und mit einer erlaubten Zuladung von mehr als 600 Kilo spielt der Variant sowieso in einer anderen Liga.

So ein großes Auto soll noch ein Golf sein? Tatsächlich haben es Koffer und Beifahrer im Variant ganz gemütlich. Selbst Sitzriesen auf den vorderen Plätzen lassen den Hinterbänklern genügend Lebensraum.

Wer hinter oder neben dem Chauffeur Platz nimmt, kann zudem einen unverbauten Himmel genießen. Nach dem Audi Q7 bietet der Variant als zweites Konzernmodell ein formatfüllendes Panoramadach an. Das gefühlte Platzangebot gewinnt dadurch erheblich, geschlossene Varianten wirken im Vergleich wie eine Konservendose. Und der Glas-Baustein lässt sich sogar öffnen: Der vordere Teil lässt sich elektrisch ausstellen und nach hinten fahren, ein großes Rollo schützt vorm Sonnenstich.

1130 Euro verlangt VW für die fast zwei Quadratmeter große Komplettverglasung, nur wenig mehr als für ein normales Schiebedach. Auch das Zusatzgewicht von 30 Kilo hält sich in Grenzen.

Mit dem Transporter auf die Rennstrecke

Bei der Topausstattung Sportline ist die Glaskuppel serienmäßig an Bord. Der Spaß kostet im 103 kW (140 PS) starken TSI mindestens 24.150 Euro inklusive Sportfahrwerk, das seinem Namen alle Ehre macht: Der Motor geht gut, aber wer in aller Welt will mit dem Raumtransporter seine Rundenzeit auf dem Nürburgring verbessern?

Dann doch lieber die Comfortline mit dem fröhlich nagelnden 77 kW (105 PS) starken TDI für wenigstens 23.215 Euro inklusive Partikelfilter. Voll eingerichtet wie asiatische Autos ist der Golf Variant dann immer noch nicht. Immerhin gehören elektrisch einstellbare Außenspiegel, die BasisKlimaanlage, Geschwindigkeitsregelung und Multifunktionsanzeige zur Comfortline.

Golf-typisch sind die tristen Zierleisten und der beengte Fußraum auf der Fahrerseite. Da spielt das große Auto doch wieder in der Klasse der Kompaktwagen. Im Gegensatz zu Lifestyle-Kombis, die auf den Fahrer zugeschnitten sind, dreht sich im Variant alles um die zweite Reihe: ein Auto für Familien, wie sie wirklich sind.