Porsche Carrera 4 Elfer mit Zusatzzahl

Der allradgetriebene Porsche 911 verwöhnt mit grandiosen Fahreigenschaften - für saftige 10.000 Euro Aufpreis. Doch zusehends umweht der sanfte Hauch der Verweichlichung die neue Generation des Sportwagenklassikers.

Von Jörg Reichle

Gibt es das eigentlich: besser als perfekt? Es könnte die Gewissensfrage für Porsches neueste Elfer-Kreation sein, den Carrera 4 - der Logik des Modellstammbaums folgend, demnächst auch als 4S erhältlich, außerdem als Coupé und als Cabriolet. Noch mehr Traktion also, noch mehr Querdynamik, noch mehr von allem, noch besser als der ohnehin schon superbe Normal-911 mit bloß einer angetriebenen Achse?

Die schieren Daten verraten noch nichts vom Mehrwert des Neuen: 3,4-Liter-Boxermotor mit 350 PS, null auf 100 km/h in 4,9 Sekunden, 9,3 l/100 km Verbrauch im Carrera 4. Im 4S dagegen ein 3,8-Liter-Boxer mit 400 PS, den Spurt auf 100 km/h schafft er in marginal flotteren 4,1 Sekunden und verfehlt die 300-km/h-Marke nur um 1 km/h. Verbrauch: 9,9 l/100 km. Die Werte fürs gleich starke Cabrio weichen jeweils leicht ab.

Enorm aufwändiger Allradantrieb

Doch der technische Aufwand für den Vierer ist beträchtlich. Beim von Porsche selbst entwickelten aktiven Allradsystem kontrollieren Sensoren permanent die Drehzahl der vier Räder, die Längs- und Querbeschleunigung des Fahrzeugs sowie den Lenkwinkel. Nach Auswertung aller Sensordaten wird die Kraft dann per Lamellenkupplung zwischen Vorder- und Hinterachse verteilt - je nach Bedarf und blitzschnell. Drohen beim Beschleunigen beispielsweise die Hinterräder durchzudrehen, wird mehr Kraft nach vorn geleitet, in Kurven ist es genau umgekehrt, weil dann die Seitenführung der Lenkachse nicht beeinträchtigt wird. Bei seiner Arbeit profitiert das System obendrein von der präzisen Kooperation mit den anderen fahrdynamischen Systemen - allen voran dem PSM (Porsche Stability Management), das über Schlupfregelung und automatisches Bremsendifferenzial die Kraftverteilung auf die Räder noch individueller regelt. Man kann das von innen sehen, was da wann so vor sich geht, dazu hat der Vierer ein neues Instrument bekommen.

Wozu der ganze Aufwand? Am klarsten wird einem der Effekt bewusst, wenn die Straße nass ist oder es schneit, ein Zugewinn an Sicherheit liegt da auf der Hand. Die 50 Kilo Mehrgewicht, die der Allradantrieb zusätzlich auf die Waage bringt, spürt man dabei nicht. Aber natürlich gilt auch - oder erst recht - für den Carrera 4 die Erkenntnis, dass das enorme Potenzial des Elfers auf normalen Straßen ohnehin kaum mehr auszuloten ist, zumal im spätherbstlichen Österreich, wo Porsche den Neuen präsentierte und wo hinter jeder Hecke eine Radarpistole lauert. Setzt man sich rein in den Allrad-Elfer, den man von außen an einem Leuchtenband quer übers vier Zentimeter breitere Heck erkennt, ist fast alles wie immer. Porsche eben. Man verwächst spontan mit dem Wagen, greift zur Bedienung nirgends ins Leere, hört, riecht, lenkt, fühlt - präzise und konzentriert.