Opel Tigra 1.4 16V Eintauchen in den Whirlpool

Beengte Raumverhältnisse und eine hakelige Schaltung

(SZ vom 10.05.1995) Die Opel-Werbeleute hatten mit Franziska von Almsick schon den richtigen Griff getan, als sie eine Prominente suchten, die sich mit dem Tigra identifizieren läßt: Die jugendliche-frische, aber nicht abgehobene Gold-Franzi posierte denn auch auf mehreren Automobilsalons für das Corsa-Derivat, das den Rüsselsheimern durch seine ausgefallene Form einen dynamischen Touch verleihen soll. Daß sich die Schwimmerin im Tigra wohfühlt, das glauben wir: Ist man einmal in den Innenraum geklettert, kommt man sich wie in einem Whirpool vor - besonders wenn die Lehne der Rückbank umgeklappt ist.

Dann tut sich hinter dem Gestühl eine ovale, von einem hohen Rand umgebene Mulde auf, die sich mit Gepäck beladen läßt. Allerdings hält die große, getönte Scheibe in der Heckklappe nicht nur Wasser, sondern auch Sonnenstrahlen ab. Trotzdem heizt sich das Coupé sehr schnell auf - auch an manchen Frühlingstagen waren wir über die gegen einen Aufpreis von knapp 1900 Mark lieferbare Klimaanlage froh. Nicht, daß der Tigra eine Mogelpackung wäre - aber was außen pfiffig beginnt, endet im Innenraum nicht nur ziemlich langweilig, sondern zum Teil auch unpraktisch. So gibt es in den Türen keinerlei Ablagen, das Handschuhfach hat seinen Namen verdient, und die winzige Ablage zwischen den Sitzen reicht gerade für zwei Kassetten.

Großzügiger ist Opel dafür bei der Sicherheitsausstattung gewesen: Zwei Airbags sind serienmäßig, was gerade bei einem kleinen Auto einen gewichtigen Sicherheitsfaktor darstellt. ABS gehört erst bei der Version mit dem 1,6-Liter- Motor (78 kW/106 PS) zum Lieferumfang; für das Basismodell 1.4 16V muß der Blockierverhinderer mit 1470 Mark extra bezahlt werden.

Wir haben uns ein bißchen näher mit dem Einsteigermodell beschäftigt. Die Motorleistung des 1,4-Liter-Aggregats von 66 kW (90 PS) ist im Autofahreralltag völlig ausreichend; auch der Kraftstoffverbrauch bewegte sich mit Werten von etwa acht Litern auf 100 Kilometer Super bleifrei im akzeptablen Bereich. Das Fahrwerk ist ausgewogen konzipiert, es tendiert vielleicht eine Spur in Richtung sportlich. Kaum für möglich gehalten haben wir es allerdings, daß es noch Schaltungen der altvälterlichen Art gibt: unwillig und knochentrocken. Der erste Gang ließ sich - zumindest bei unserem Fahrzeug - nur mit sanfter Gewalt einlegen. Hier ist dringend Handlungsbedarf geboten. Besser gelöst werden kann sicher auch der Gurtkomfort: Nur Verrenkungskünstler tun sich leicht, den Gurt von ganz weit hinten nach vorne zu angeln.

Preislich liegt der Tigra im Umfeld seiner Konkurrenten (Nissan NX 100, Mazda MX-3) nicht ungünstig. Die Basisversion kostet 25 980 Mark, der 1.6 16V schlägt mit 29 950 Mark zu Buche. Für Singles und Junggebliebene mag er eine Alternative sein - aber wer mit mehr als zwei Passagieren unterwegs sein möchte oder muß, sollte einen großen Bogen um das Coupé machen. Dafür erfreut der Tigra mit einer eigenständigen Optik - was in Zeiten des Einheitskleides, das dem Windkanal entstammt, durchaus ein Pluspunkt ist.

Von Otto Fritscher