Opel Tigra Kleiner Sportwagen mit Mittelklasseformat

Der 2+2-Sitzer überzeugt durch originelles Design und eine gute Serienausstattung

(SZ vom 29.10.1994) 'Wirklich, ein Opel?' Wo immer man ihn abstellt, erntet er ungläubige Blicke, meistens Akklamation. Das Spektrum spontaner Äußerungen reicht von 'Nicht zu fassen!' bis 'Einfach toll!'. Der Anlaß emotionaler Anteilnahme: Opel läßt den Tigra los.

Seit Fiat den 850 Spider und Citroën seine Ente ohne Perspektiven auf mögliche Nachfolger einschläferten, fristet der europäische Kleinwagenmarkt ein eher tristes Dasein. Automobile Einsteiger und Zweitwagenfahrer(innen) dürfen zwar aus einer Vielzahl funktioneller Büchsen im vernünftigen Industriedesign wählen. Doch jener Appeal, der die Anerkennung für einen mobilen Winzling zur Begeisterung steigert, fehlt ihnen - wenn man einmal vom Rover Mini absieht und seine gegen Null strebenden Sicherheitsreserven übersieht. Japanische Hersteller erkannten dieses Vakuum schon früh und versuchten es mit originellen Zwergen wie dem Mazda 121, dem Nissan Micra und 100 NX, aber auch mit dem Honda CRX zu füllen. Renault stellte seinen Twingo dazu, Opel seinen Corsa und VW schließlich den Polo. Doch zum Kultauto der neunziger Jahre taugt keiner. Was ihnen fehlt, ist die Herzlichkeit, mit der die Ente ihre Fans chauffierte. Nun besinnt sich Opel seiner Coupé-Tradition, die in den sechziger und siebziger Jahren den schnittigen GT erblühen ließ, eine Art eingelaufene Chevrolet Corvette.

Animiert zum Streicheln

Aus Reaktionen auf das neue Coupé von heute könnte man schließen, daß der Tigra das Zeug dazu hat, zum Streicheln zu animieren. Sein Design ist rundlich modern, kleidet zeitgemäße Technik ein und wirft sich insbesondere jungen Menschen ans Herz. 'Dem würde ich sofort meine Garage aufschließen', weiß aber auch der Herr mit Aktenkoffer, ohne nach dem Preis gefragt zu haben.

Selektiv betrachtet bietet das kleine Opel-Coupé auf der technischen Basis des aktuellen Corsa kaum Neues: Die Frontpartie ist einem Nissan 100 NX verwandt, die Silhouette malt der Windkanal grundsätzlich allen Designern auf den Monitor, und das mit reichlich Glas überbaute Heck erdachten bereits Mazda-Designer für den MX-3. Nein, der Opel Tigra gefällt als Gesamtkonzept.

Ein freches Coupé sollte er werden, kompakt, wendig, mit hohem Sicherheitsstandard und günstigem Verbrauch, aber auch solide und preiswert - und zum Verlieben. Dafür nahm Opel die Plattform seines derzeit kleinsten Autos, des Corsa, verkürzte den Radstand um 16 Millimeter auf 2429 Millimeter und gestattete ein Längen- und Breitenwachstum der Karosserie von etwa 200 Millimeter. Seine markante Note zeichneten ihm die Stylisten ins Profil. Da nimmt die A-Säule den schwungvollen Anstieg der Motorhaube auf, läßt ihn im Dach auslaufen, um ihn als energisch gebogene B-Säule zu kontern. Das zur ausgeprägten Abrißkante am Heck abfließende Dach ist hinter den B-Säulen kuppelartig verglast. Dieser Teil ist als praktische Heckklappe ausgebildet, die 215 Liter Kofferraum freigibt, bei umgeklappten Rücksitzen bis 425 Liter.

Motorisch vertraut das kleine Coupé wahlweise auf den 1,6-l-Vierzylindermotor aus dem Corsa GSi oder das neu entwickelte 1,4-l-Triebwerk der Opel-Ecotec-Familie. Beide sind vorne quer eingebaut, treiben die Vorderräder an und bieten als moderne 16-Ventiler ein beachtliches Drehvermögen. Sie leisten 78 kW (106 PS) bzw. 66 kW (90 PS) bei jeweils 6000 Touren und sind mit Fünfgang-Handschaltung kombiniert. Daß diese Motoren für das knapp 1000 Kilogramm leichte Coupé ausreichen, bestätigt ein erster Fahreindruck: Fleißig geschaltet kann selbst der 1,4i auf der Überholspur der Autobahnen mitschwimmen. 190 km/h Höchstgeschwindigkeit (1,6i: 203 km/h) erreicht er mühelos, wenngleich nicht ohne mahnendes Dröhnen aus dem Motorraum. Opel verspricht einen Drittelmix-Verbrauch von 6,8 Liter Super Bleifrei auf 100 km (1,6i: 6,9 l/100 km). Später soll die Motorenpalette aber noch erweitert werden.

Von einem Kleinwagen, noch dazu im Coupé-Outfit, darf man kein Raumwunder erwarten. Dennoch ist unter der dynamisch geneigten Windschutzscheibe auf den Vordersitzen ausreichend Bewegungsfreiheit vorgesehen. Man sitzt tief und gut aufgehoben in konturierten Vordersitzen. Zwei Personen können im Tigra durchaus auch einmal die Stadtgrenzen verlassen. Die beiden Sitzschalen im Fond aber sollte man - in klassischer Coupé- Tradition - als Notsitze begreifen, die man allenfalls Kindern auf Mittelstrecken zumuten darf. Ansonsten überwiegt funktionelles Corsa-Design, das der Kostenkalkulation des Tigra sicherlich entgegenkommt. Aus ästhetischer Sicht aber hätte unbedingt ein originelles Innenraumdesign zur pfiffigen Außenhaut gehört.

Als Kleinwagen mit Mittelklasseformat entpuppt sich der Tigra bei Betrachtung seiner sicherheitstechnischen Ausstattung und sichert sich damit eine exklusive Marktposition im Segment kleiner Coupés. Zwei Airbags sind ebenso serienmäßig wie höhenverstellbare Sicherheitsgurte mit Straffern. Neben Servolenkung und elektrischen Fensterhebern wird außerdem eine elektronische Wegfahrsperre geboten. Auch ein Kassettenradio ist serienmäßig, die Klimaanlage kostet dafür Aufpreis. Auf sie sollte man wegen der extremen Innenraum-Aufheizung unter großzügiger Verglasung keinesfalls verzichten. Nur der 1,6i bietet ohne Aufpreis ABS und Leichtmetallfelgen.

Nicht für Langstrecken gedacht

Für 25 980 Mark bzw. 29 950 Mark stehen Tigra 1,4i und 1,6i von 19. November an bei deutschen Opel-Händlern. Die Stärken des Coupé-Winzlings liegen im markanten Design und der kostengünstigen Großserientechnik, unbedingt aber auch in seiner überzeugenden Sicherheitsausstattung. Er ist ausreichend und modern motorisiert und bietet fahrwerksseitig sogar einen sportlichen Touch. Seine Schwächen beschränken sich auf die zwar vernünftige, aber für dieses Coupé doch triste Armaturengestaltung. Sich über seinen mangelnden Fahrkomfort auf Langstrecken auszulassen, ist für ein Coupé dieser Größenordnung ungerecht. Es will ihn gar nicht bieten. Über Schönheit kann man bekanntlich lange streiten, über die Originalität des Gesamtkonzepts Tigra kaum.

Von Jürgen Zöllter