Opel Omega Erfolg - was ist das eigentlich?

Ein treuer Weggefährte mit beachtlichen Qualitäten zu Preisen von 39 550 Mark an aufwärts

(SZ vom 12.02.1994) Die Märchenwelt ist voller Geschichten über Glückskinder und vom Pech Verfolgte; über Menschen, denen alles in den Schoß fällt - und anderen, denen die Liebe erst nach harten Kämpfen zugestanden wird. Wenn man von der Märchen- in die Autowelt wechselt, sind gewisse Parallelen unvermeidbar - die einen Häuser gelten als Edelfirmen, die anderen als brave Handwerksbetriebe, deren Produkte geschätzt, aber nicht geliebt werden.

Von Opel weiß man, daß die Produkte geschätzt, aber nicht bewundert werden - die Zuverlässigkeit ist sprichwörtlich, aber kein Bub träumt davon, einmal einen Vectra oder Omega zu fahren, und der geringe Wertverlust trägt auch nicht dazu bei, daß die selbsternannten Trendsetter von einem bayerischen oder schwäbischen auf ein hessisches Produkt umsteigen.

Was ist also Erfolg? Der nur rudimentär definierbare Begriff Image - oder die Ergebnisse im Geschäftsbericht? Im bodenständigen Rüsselsheim verweist man in diesem Zusammenhang gerne darauf, daß seit der Markteinführung der ersten Omega-Generation im Sommer 1986 mehr als 900 000 Exemplare verkauft werden konnten - zusammen mit der Edel-Version, die Senator hieß, konnte sogar die Millionengrenze überschritten werden.

Zahlen, die man natürlich auch mit der zweiten Omega-Generation erreichen möchte, wobei - nach einer ersten, kurzen Begegnung - konstatiert werden muß, daß die Chancen für erfreuliche Umsätze gut stehen. Zu dieser optimistischen Einschätzung tragen mehrere Umstände bei: Erstens sieht der neue Omega (sowohl als Limousine als auch als Caravan) gut aus - die Frontpartie strahlt etwas von der Sportlichkeit des Calibra aus, während die Heckpartie mit den hochgesetzten Rückleuchten die Eleganz teurer japanischer Edelkarossen vermittelt; und dazu kommt, daß die Innenraumabmessungen trotz keinerlei äußerlicher Veränderungen deutlich zugenommen haben. Zweitens hat die neue Baureihe unter der attraktiven Haut teils überarbeitete, teils neue Vierventil-Triebwerke zu bieten, die sämtliche Abgasgrenzwerte, die bis 1996 eingeführt werden, bereits heute erfüllen, bis zu 12,5 Prozent weniger Kraftstoff als ihre Vorgänger verbrauchen und leiser denn je laufen.

Drittens müssen für Ausstattungsmerkmale wie Fahrer- und Beifahrer- Airbag und Gurtstraffer keine Aufpreise mehr gezahlt werden, sondern diese Details werden serienmäßig montiert - was beileibe noch nicht bei allen Automobilfirmen Schule gemacht hat. Und viertens konnten die Preise nicht nur gehalten, sondern teilweise auch noch gesenkt werden. Was besonders in der hart umkämpften Top-Klasse zum Tragen kommt - gegenüber dem alten Senator CD spart der Käufer eines Omega MV6 nicht weniger als 15 000 Mark.

Die Modellvarianten

Womit wir bei den Ausstattungs- und Motorisierungsvarianten wären: Basisversion ist das schlicht Omega genannte Modell, dazu gibt es die besser ausgestattete CD-Version. Das Edellabel MV6 darf nur der 3,0-Liter-Sechszylinder mit 155 kW oder 210 PS Leistung tragen, während der 2,0-Liter-Vierzylinder (85 kW oder 115 PS) nur der Basisversion zur Verfügung steht. Basis- und CD-Variante sind hingegen wahlweise mit einem 2,0- Liter-Vierzylinder mit 16 Ventilen (100 kW oder 136 PS), einem 2,5-Liter- Sechszylinder (125 kW oder 170 PS) oder einem von BMW gelieferten 2,5-Liter- Turbodiesel (96 kW oder 130 PS) zu erwerben, wobei die DIN-Drittelmix-Verbrauchswerte zwischen 7,4 und 9,6 Liter liegen, und sich die Preispalette von 39 550 bis 65 760 Mark erstreckt.

In der Innenwelt des Omega fühlt man sich auf Anhieb zu Hause und bemerkenswert wohl, wozu neben den ergonomisch guten Sitzen auch das angehobene Dach und der vergrößerte Innenraum beitragen. Dank ausgefeilter Geräuschdämmung gehört der Omega zu den leisesten Fahrzeugen im Angebot - und so ergibt es sich, daß der Omega zu einem der Fahrzeuge werden dürfte, in denen man auch längere Strecken beruhigt angehen mag.

Wohl wissend, daß es den typischen Autofahrer nicht mehr gibt - und daß neue Modellgenerationen neue Ansprüche zu erfüllen haben, ist das jetzt vorgestellte Spitzenmodell des Hauses Opel auf der Komfortseite besonders reichlich bedacht worden: Von einer hydraulisch betätigten Kupplung über ein Reinluftfiltersystem bis hin zu einer Mischluft- Heizung mit getrennter Temperaturregelung werden die Insassen hier mit Komfort-Features verwöhnt, die bislang nicht selbstverständlich waren. Natürlich ist auch die (als Option lieferbare) Klimaanlage FCKW-frei, und die verwendeten Kunststoffe sind sortenrein und recyclierbar - und damit es die Diebe etwas schwerer haben, ist die Warnanlage mit Ultraschallüberwachung besonders raffiniert konstruiert und (nach Aussage der Techniker) schwer zu knacken.

Opel hat in sein neues Top-Modell viel Geld und Ideen investiert - dementsprechend überzeugend ist das Ergebnis ausgefallen. Wenn man nicht auf das Logo einer Edelmarke angewiesen ist, wird man mit dem Omega einen treuen Weggefährten mit beachtlichen Qualitäten erwerben - das hat mittlerweile sogar das amerikanische Mutterhaus General Motors erkannt: Deshalb wird das Top-Modell auch (mit neuem Grill und dem amerikanischen Geschmack angepaßtem Interieur) als Cadillac LSE in die USA geliefert werden.

Von Jürgen Lewandowski