Oldtimer als Neuwagen Wo der Bulli rollt

Kein Komfort, keine Sicherheitsfeatures und Technik von vorgestern: Trotzdem lieben die Brasilianer den alten VW Bulli. Mehr als 1,5 Millionen Stück hat VW bisher dort gebaut. Umgerechnet 17.150 Euro kostet der fabrikneue Klassiker inzwischen in Brasilien. Ein Holländer importiert die Bullis sogar nach Europa.

Von Axel Busse

Im technikverwöhnten Europa, wo Autos noch immer dem Motto schneller, stärker, teurer verpflichtet scheinen, ist das kaum vorstellbar: angepasste, weil einfache Technik, seit vielen Jahrzehnten vertraut und irgendwie nicht tot zu kriegen. In Brasilien gibt es das. Es ist ein fabrikneuer Oldtimer, heißt schlicht Kombi und stammt von Volkswagen. In einschlägigen Kreisen ist er hierzulande besser als T2 bekannt. Und es ist leider mit gewissem Aufwand verbunden, ihn zu fahren. Entweder, man reist nach São Bernardo do Campo, wo er in einer Auflage von 120 Stück pro Tag vom Band läuft oder man wendet sich vertrauensvoll an den holländischen Importeur, der ihn seit 2010 in Europa vertreibt.

Der Versuch, einem Brasilianer zu erklären, dass ein Bulli schützenswertes automobiles Kulturgut sei, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Als solides Gebrauchsfahrzeug hat es seit Jahrzehnten seinen festen Platz im Verkehrsgeschehen des Landes. 1957 war der Bulli das erste Fahrzeug, das bei Volkswagen do Brasil vom Band lief. Weit mehr als 1,5 Millionen Stück wurden seither gebaut, die meisten davon blieben in Brasilien. Und die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte steht laut Entwicklungschef Egon Feichter "überhaupt nicht in Frage". Weder ist ein Ersatzmodell geplant noch größere Veränderungen am Vorhandenen. So tut der Kombi das, was man dem Käfer einst nachsagte: Er läuft und läuft und läuft ...

Der Brasilien-Bulli läuft mit Biosprit

Er tut dies auf fast die gleiche Weise, wie er es bis 1979 auch in Deutschland tat. Wesentlicher Unterschied: Statt eines luftgekühlten Boxermotors ist unter der Ladefläche im Heck jetzt ein wassergekühlter 1,4-Liter-Reihenmotor untergebracht, ausgelegt auf den Betrieb mit Biosprit - wie die meisten in Brasilien zugelassenen Autos. Entweder fährt er mit einer Benzin-Alkohol-Mischung (E22) oder mit reinem Ethanol. Das typische Rasselgeräusch, Jahrzehnte lang akustische Visitenkarte der frühen VW-Modelle, ist deshalb allenfalls zu erahnen, wenn man ihn fährt.

Dass der Bulli seine Insassen mit allzu viel Komfort verwöhne, kann man ihm nicht nachsagen. Zum Justieren der Rückspiegel müssen die Scheiben heruntergekurbelt werden, ausstellbare Dreiecksfenster ersetzen die Klimaanlage, das frei stehende Rohr der Lenksäule wird am unteren Ende von den Pedalen eingerahmt, die wie Gummiblüten an einem Metallstängel aus dem Boden ragen. Unverfälschtes Oldie-Feeling wohin man blickt: "In den Siebzigerjahren", sagt Egon Feichter, habe es die einzigen nennenswerten Änderungen am Auto gegeben - ein höheres Dach und eine Schiebetür auf der rechten Seite.

130 km/h sind möglich - immerhin

Geblieben sind ein fast waagerecht stehendes, airbagfreies Hartplastik-Lenkrad, darunter bleistiftdünne Lenkstockhebel für Blinker und Scheibenwischer. Vier Gänge sind Herausforderung genug, denn sie mit dem 60 Zentimeter langen, gertendürren Schalthebel in den teigigen Untiefen des Getriebes zu treffen, verlangt ein wenig Übung. Das Aufbäumen des Vorderwagens beim Anfahren ist ebenso drollig wie das Schmirgelgeräusch der hinteren Trommelbremsen. Mit seinen 80 PS schafft der Bulli immerhin 130 km/h, wenn's sein muss.

Umgerechnet 17.150 Euro muss ein brasilianischer Kunde für seinen fabrikneuen Oldie hinlegen. Das ist geringfügig mehr, als heute in den gängigen Oldtimer-Börsen für gepflegte Bullis des Jahresgangs 1969 gezahlt wird. Aber dafür ist auf dem neuen ja noch Garantie.