Öffentlicher Nahverkehr Pendler dürfen nicht auf der Strecke bleiben

Kommt sie, oder kommt sie nicht? Pendler an der Berliner S-Bahn-Station Ostkreuz (Archivbild)

(Foto: AFP)

In Zeiten von Fahrverboten und Klimawandel wächst die Rolle des öffentlichen Nahverkehrs. Die fehlenden Investitionen sind ein Armutszeugnis.

Kommentar von Joachim Käppner

Alle Jahre wieder, so sieht es aus, wird die Münchner S-Bahn von einem unvorhergesehenen Wetterphänomen behelligt. Es drückt sich in stark nachlassender Wärme aus, ja, immer wieder führt es dazu, dass Feststellbremsen sich nicht mehr bewegen und Signale sich nicht mehr schalten lassen. Noch dazu vertragen es die Mitarbeiter nicht gut und werden öfter krank.

Das alles kann natürlich niemand vorhersehen, am wenigsten die S-Bahn selbst, die ja auf eine gewisse Planungssicherheit angewiesen ist. In der Folge erleben Abertausende Pendler im winterlichen Berufsverkehr eine Art ÖPNV-Russisch-Roulette. Vielleicht geht alles gut und die Bahn kommt, vielleicht aber auch nicht, und man steht bibbernd bei minus zehn Grad auf dem S-Bahn-Steig und kann alle Hoffnung fahren lassen.

Dem öffentlichen Nahverkehr gehört die Zukunft

So reden die Leute, wenn die Bahn mal wieder ausbleibt, sich verspätet oder auf der Strecke verharrt. Bitte, das ist ein wenig überspitzt, aber wer in München und manchen anderen Städten (Berlin!) täglich auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen ist, entwickelt mit der Zeit einen gewissen schützenden Sarkasmus. Natürlich, wenn die Temperaturen auf solche Tiefpunkte sinken, muss man nicht wegen jeder festgefrorenen Weiche ein großes Lamento anstimmen. Andererseits sind die vielen Pannen, Zugausfälle und sonstigen Ärgernisse vielerorts auch Folge zu geringer Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr.

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Dem aber, das hat die Woche der Diesel-Entscheidung überdeutlich gezeigt, gehört die Zukunft. Die Städte, die Mobilität, das globale Klima - das alles ist im Wandel, und der Sechzigerjahre-Traum der autogerechten Stadt ist ausgeträumt. Noch immer aber genießt der Autoverkehr in den Kommunen insofern Vorrang, dass er - alle Faktoren einberechnet - meistens am höchsten bezuschusst wird, wie Studien errechnet haben.

Die Weigerung, kostenlosen ÖPNV auszuprobieren, ist ein Armutszeugnis

Die Umweltprobleme jedoch wachsen viel zu rasch, unabhängig davon, ob Schönrechner und Relativierer das wahrhaben wollen oder nicht. Die Prognose sei gewagt: Schon in zehn, spätestens 20 Jahren werden die Bürger kopfschüttelnd auf eine Zeit zurücksehen, in der Dieselfahrverbote und Umweltzonen noch endlos diskutiert statt so rasch wie möglich umgesetzt wurden.

Was aber die Städte betrifft, die sich gern als Opfer der Umstände hinstellen und nach Geld von Bund und Ländern rufen: Die Weigerung der vom Bund vorgeschlagenen Modellkommunen, einmal einen - gegenfinanzierten - kostenlosen Nahverkehr auszuprobieren, um noch mehr Leute vom Auto in Bus und Bahn zu locken, ist ein Armutszeugnis; allen voran in der Bundesstadt Bonn, wo man sonst so stolz auf sein neues Image als UN-Klimastadt ist. Offensichtlich ist alte Verwaltungsweisheit zählebig: Wo kämen wir denn da hin, das haben wir noch nie so gemacht.

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