Motorsportgeschichte Jede Runde wie ein Tanz auf dem Hochseil

Vic Elford im Porsche 908 beim 1000-Kilometer-Rennen am Nürburgring 1968.

(Foto: Delius Klasing Verlag)

Ein Werk über das 1000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring weckt Erinnerungen an eine der großen Motorsport-Veranstaltungen in Deutschland. Unser Autor war zwölf Mal am Start.

Von Eckhard Schimpf

Viereinhalb Kilo ist dieses Buch schwer und damit im doppelten Sinn gewichtig, denn auch was drinsteht, entzieht sich der Norm. Der monumentale Band mit dem Titel "1000 Kilometer Rennen" von Jan Hettler und Udo Klinkel widmet sich - in limitierter Auflage von 1000 Stück - auf 744 Seiten und mit einigen Hundert Fotos einem der berühmtesten Sportwagenrennen, das es je gab. Es lief von 1953 bis 1983 auf der legendären Nürburgring-Nordschleife und gilt als Klassiker. Genau wie Mille Miglia, Targa Florio oder die 24 Stunden von Le Mans.

Das Buch ist ein Nachruf, das 1000-Kilometer-Rennen gibt es nicht mehr. Es starb, als der neue, kurze Nürburgring entstand. Diese moderne Piste konnte freilich nicht den Hauch jener Faszination bieten, die der alte Ring verströmte. Mit seiner Rundenlänge von 22,8 Kilometern, mit seinem wilden Bergauf und Bergab, mit dem Stakkato von Bögen und Kehren, mit den Sprunghügeln, Bodenwellen und der schier unendlichen Vollgasgeraden "Döttinger Höhe". Kein Zweifel: Dieser 1927 entstandene Eifel-Kurs bleibt weltweit einmalig, bis heute.

"1000-Kilometer-Rennen" - die Bilder

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Beim 1000-Kilometer-Rennen fuhr die Weltelite

So war es gar nicht verwunderlich, dass nach dem Abschied des 1000-Kilometer-Rennens von der Nordschleife die Popularität des 24-Stunden-Rennens für Tourenwagen anstieg. Trotzdem ist diese bunte Gaudi, wo Schauspieler starten und bei manchen Autos ein Fuchsschwanz an der Antenne weht, kaum mit dem Rang der ehemaligen 1000-Kilometer-Rennen zu vergleichen. Da fuhr die Weltelite. Da konkurrierten Werkswagen von Ferrari, Porsche, Alfa Romeo, Ford. Die heutigen "24 Stunden" sind dagegen ein automobiles Volksfest. Man darf sich fragen, ob der veranstaltende ADAC nicht einen Fehler beging, als er die "1000 Kilometer" auf der Nordschleife sterben ließ. Sie waren ein Begriff, geradezu ein Markenzeichen.

So bleibt vorerst die Erinnerung, auch die ganz persönliche des Chronisten. Ich habe ab 1956 die meisten dieser Rennen zunächst als Fan, als Zuschauer erlebt, beseelt von dem heimlichen Wunsch, da irgendwann mal selbst mitzufahren. Und das glückte dann auch. Zwölf Mal war ich dabei.

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Journalisten als Rennfahrer

Nun ist es ja nicht ungewöhnlich, dass Journalisten Rennen fahren. Das geschieht heute in jedem Markenpokal. Früher war das seltener der Fall. Aber es gab Journalisten, die exzellente Rennfahrer waren. Paul Frère zum Beispiel, immerhin Le-Mans-Gesamtsieger und Formel-1-Fahrer bei Ferrari. Ebenso Richard von Frankenberg oder Rico Steinemann. Auch Christian Danner und Klaus Niedzwiez gehören zu denen, die beide Seiten kennen. Aber ich habe festgestellt, dass diese doppelt Begabten stets voll in die Rennwelt eintauchten - cool, glatt, und rennmäßig professionell. Bei mir war es eher umgekehrt. Ich habe im Cockpit mit geradezu kindlichem Staunen all das aufgesogen, was um mich herum auf der Piste geschah. Für mich war das nie Normalität, sondern tolles Erleben, eine Geschichte eben.

Ein Beispiel. Start zum 1000-Kilometer-Rennen 1978. Die Meute braust durch die Südkehre. Vorn ziehen ein paar Turbo-Porsches weg: Wollek, Ickx, Ludwig. Nicht weit vor mir - ich lag wohl so an zehnter Stelle - Peterson, Stuck, Jöst, Grohs, Heyer. Neben mir drängt sich Brambilla vorbei. Hinter mir die Schnauzen eines wilden Pulks.

Allerdings lernte ich so auch Demut, auf sehr eindrucksvolle Art. Nürburgring-Runden sind - ich kann es nicht anders ausdrücken - wie ein Tanz auf dem Hochseil. Ein Fehler - und es wird lebensgefährlich; denn hier gab (und gibt) es kaum Auslaufzonen. Demut war das eine, die Hochachtung vor dem, was die Profis dort abzogen, das andere. Fahrer wie Jacky Ickx, Hans-Joachim-Stuck, Stefan Bellof, Niki Lauda boten pure Artistik am Lenkrad! Und zwar zu Zeiten, als Sicherheit auf und neben den Pisten als eine Posse für Weicheier galt.