Mobilitäts-App Moovel Leichter ans Ziel - egal womit

Die Daimler-App Moovel vernetzt verschiedene Mobilitätsformen.

(Foto: Daimler AG)

Daimler hatte bislang den Anspruch, das beste Auto der Welt bauen. Jetzt bastelt der Konzern an einer App, die allen Menschen das Reisen erleichtern soll. Was wie Marketinggetue aussieht, könnte der Wandel von einem Automobil in einen Auto- und Mobilitätskonzern sein.

Von Max Hägler, Stuttgart

Gerade werden an diesem Morgen belegte Semmeln für alle verteilt. Ein Tischkicker steht bereit, ein zerlesenes Wired-Magazin - die Bibel der Technik-Gurus - liegt neben Messgeräten und Kabeln. Eine Programmiererin hat ihr Mountainbike hinterm Tisch stehen. Und auf einem der riesigen blauen Sitzsäcke in der Ecke hockt der Cheftechniker, Helmuth Ritzer heißt er, trägt keine Krawatte, dafür Converse-Turnschuhe. Und er sagt: "Unser Traum hier bei Moovel ist, dass wir das Amazon der Mobilität werden." Dass Menschen per Moovel-Software die schnellsten und günstigsten Verbindungen für ihre Reisen angezeigt bekommen. Überall auf der Welt.

Eisenbahnen, Taxen, Mietwagen, Fahrräder, Fernbusse, Trambahnen und ja, sogar Mitfahrgelegenheiten - alles soll zusammengeschaltet werden zu einem simpel zu bedienenden, zentralen Werkzeug mit zentraler Abrechnung, daran arbeiten sie in diesem Labor. Wetter, Kosten, Zeit, Komfort - nach allen möglichen Kriterien sollen Reisende künftig ihre Routen planen können, egal ob armer Student oder reicher Manager. Es wirkt wie die Idee aus einem kalifornischen Bilderbuch-Start-up. Doch: Wir befinden uns in der Welt von Daimler, Deutschlands nobelstem Autokonzern. Genauer: Bei der ganz jungen Tochterfirma Moovel, die Platz gefunden hat im Stuttgarter Vorort Leinfelden-Echterdingen. Hier programmiert die elitäre Marke mit dem Stern Reise-Software, um gar nicht elitär das Leben für alle Leute zu erleichtern - mit dem Anspruch der weltweiten Marktführerschaft.

Sogar der Finanzchef fährt inzwischen auch mal mit der Bahn

Spinnerei? Hybris? Marketinggetue, das testweise kommuniziert wird?

"Nein, die Mobilitätsdienstleistungen sind kein Hobby, sondern fester Bestandteil unserer Konzernstrategie", sagt einer, dessen Wort Gewicht hat: Bodo Uebber, Finanzchef und hinter Dieter Zetsche zweitwichtigster Manager bei Daimler. "Wir wandeln uns gerade von einem Automobil- in einen Auto- und Mobilitätskonzern", sagt er.

"Wie in den Anfangstagen von Amazon"

Carsharing ist gerade dabei, sich zu etablieren. Robert Henrich, Geschäftsführer Daimler Mobility Services, erzählt im Interview, welche weiteren Schritte zu ganzheitlichen Mobilitätslösungen folgen werden. mehr ...

Um die Tragweite zu erkennen, muss man dabei bedenken: Wer im bisherigen, alten Autokonzern Daimler allein schon in einem Wagen einer fremden Marke auf ein Werksgelände fährt, wird von Pförtnern und Vorstands-Chauffeuren mitunter gemustert, als käme er von einem anderen, natürlich minderwertigen, Stern.

Ausgerechnet die obersten Manager erklären nun frei heraus, dass es nicht immer um Smart oder Mercedes geht, und dass das Auto an sich nicht mehr alleiniger Dreh- und Angelpunkt des Lebens ist.