Mobilität der Zukunft Daimler zielt nicht auf Level 3, sondern auf Level 5 ab

Das Auto kommt zum Fahrer - mit diesem Slogan kommunizieren die Stuttgarter ihre "Partnerschaft auf Augenhöhe", wie es Stephan Hönle selbstbewusst nennt: "Das ist eine Entwicklungskooperation zwischen dem weltweit führende Zulieferer mit der führenden Premiummarke", sagt der Produktbereichsleiter automatisiertes Fahren bei Bosch. Wie bei der gemeinsamen Entwicklung der elektronischen Stabilitätskontrolle vor etwa 30 Jahren bringen beide Partner zu gleichen Teilen Ressourcen und ihre gesamte Technologiekompetenz ein: Bosch unter anderem das Bordnetz sowie umfangreiches Know-how bei Radar- und Kamerasensoren sowie erste Prototypen eines Lidar-Systems. Statt der Radiowellen beim Radar werden dabei Laserpulse genutzt, um andere Objekte zu vermessen und zu klassifizieren. Über die Serienproduktion des neuen hochgenauen Scanners, der als redundantes System gebraucht wird, soll demnächst entschieden werden.

Daimler bringt als Experte für die Fahrzeugintegration eine umfangreiche Entwicklermannschaft für das autonome Fahren mit - und eine Partnerschaft mit Uber. Noch 2015 hatte Daimler bei der Präsentation des Forschungsfahrzeugs F 015 von 2030 als Startpunkt für das autonome Fahren gesprochen. Jetzt soll alles viel schneller gehen. Statt lediglich auf das nächste Level (3 - hoch automatisiert) zielt die Stuttgarter Kooperation gleich auf Level 5 ab - also auf das fahrerlose Auto. Allerdings nicht bei jedem Tempo, sondern lediglich bis zu 75 km/h im urbanen Umfeld.

Auto lenkt, Fahrer haftet

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Die Industrie ist viel weiter als die Politik

Trotzdem gibt es dafür noch nicht einmal den Ansatz einer gesetzlichen Grundlage. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat in seiner Gesetzesvorlage zum automatisierten Fahren gerade ein System skizziert, das den Fahrer stets als Rückfallebene nutzen kann. Er bleibt letzlich in der Verantwortung. Die Stuttgarter Kooperation springt nun deutlich weiter: "Wir wollen ein Gesamtfahrsystem für ein fahrerloses automatisiertes Fahrzeug entwickeln", erklärt Stephan Hönle, "also Level 5 für sogenannte Shared Autonomous Electric Vehicles (SAEV), wie sie im Robotaxibetrieb eingesetzt werden." Ein Fahrerarbeitsplatz mit Lenkrad und Pedalen wird dafür nicht mehr gebraucht.

Viele Experten halten fahrerlose Autos für sicherer als Level-3-Fahrzeuge. Volvo hat bereits angekündigt, die Zwischenstufe des hoch automatisierte Fahrens überspringen zu wollen. Auch Professor Eric Sax, Institutsleiter am Karlsruher KIT, hält den ständigen Wechsel zwischen Fahrer und Maschine für problematisch: "Ich glaube nicht, dass ein abgelenkter Fahrer innerhalb von Sekunden die Fahraufgabe wieder übernehmen kann - um kritische Situationen zu meistern, die eine hoch entwickelte Maschine überfordern."

Ist die Technik zu teuer für private Autos?

Alles deutet darauf hin, dass sich die Automatisierung nicht nur evolutionär, sondern zugleich revolutionär vollzieht. Dabei könnten kommerziell eingesetzte Fahrroboter an den Privat-Pkw vorbeiziehen. Ein Grund dafür ist der hohe technische Aufwand: "Bis 2020 werden die Sensor-Kosten für automatisiertes Fahren auf 2500 bis 3000 US-Dollar sinken. Die Computerseite wird noch einmal dasselbe kosten", sagt Delphi-Entwicklungsvorstand Glen de Vos. Dazu komme eine neue Elektronikarchitektur mit Zentralrechnern im Fahrzeug. "Wir überarbeiten gerade alle existierenden Systeme im Auto", so De Vos. All das sind interne Kosten, ohne den Entwicklungsaufwand wohlgemerkt - und ohne ein teures Daten-Backend.

Alles in allem werden vollautonome Autos zumindest anfänglich mehrere Zehntausend Euro teurer sein als konventionelle Fahrzeuge. "Die Frage ist, ob private Nutzer bereit sind, einen höheren Preis für das autonome Fahren zu akzeptieren", formuliert Stefan Hönle vorsichtig. Folgerichtig gehen nicht nur Bosch und Daimler, sondern auch die BMW-Kooperationspartner davon aus, dass sich die fahrerlose Mobilität im urbanen Umfeld zunächst auf den Bereich Carsharing fokussieren wird. Stephan Hönle: "In diesen Geschäftsmodellen werden sich Investitionskosten in die neuen Fahrzeuge schneller rechnen."