Von Michael Harnischfeger

In einem offenen Auto, so lautet ein hartnäckiges Missverständnis, brauchst Du nicht viel Leistung.

Der Fahrtwind im Haar und die Sonne auf der Nase, das alles fühlt sich mit 50 PS ebenso schön an wie mit 500, heißt es dann immer.

(© Foto: Mercedes-Benz)

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Naja, sagt da der verwöhnte Zeitgenosse und kontert mit einem Totschlag-Argument: Die Musik mag ja dieselbe sein. Doch es klingt halt besser, wenn der Song nicht aus einem Kofferradio kommt, sondern aus einer guten Stereoanlage.

Nun, demzufolge kommt mit dem SL 55 AMG im Januar sozusagen ein Beschallungssystem für Fußball-Stadien und andere Großarenen in den Handel. Denn an Leistung mangelt es diesem Roadster wahrlich nicht.

476 PS / 350 kW und stramme 700 Newtonmeter Drehmoment holt er aus seinem 5,5 Liter großen Achtzylinder, dem ein Kompressor Luft für diese Großtaten einbläst.

Wildes Gebläse

Kompressoren, das weiß der Auto-Freak, haben bei Mercedes nicht erst Tradition, seit der mechanische Lader für den SLK reaktiviert wurde. Sie gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts in den berühmten Rennsportwagen, die später die Ära der Silberpfeile begründeten.

Nun hilft diese Technik also dem SL auf die Sprünge, der ja als 500er mit 306 PS / 225 kW bestimmt kein Kind von Traurigkeit ist. Doch bei längerem Umgang mit diesem Auto stellt sich bei manchen anspruchsvollen Zeitgenossen das Gefühl ein, dass dem fast zwei Tonnen schweren Zweisitzer ein wenig Extra-Power durchaus gut täte.

Denn objektiv ist der SL 500 zwar sauschnell, doch verpackt er sein Temperament so gekonnt in Gentleman-Manieren, dass man gar nicht mitbekommt, wie schnell man ist.

Fast gewalttätige Leistungsentfaltung

Beim SL 55 AMG ist das anders. Er springt den Fahrer viel direkter an mit nochmals schärferem Sound und einer Leistungsentfaltung, die schon gewalttätige Züge hat.

Denn hier muss kein Turbo vom Abgas auf Drehzahl gebracht werden, sondern vielmehr bläst der mechanisch angetriebene Kompressor verzögerungslos zum Marsch. Wer mit der selben Unbekümmertheit wie etwa im Mazda MX-5 anfährt, erleidet fast ein mittleres Schleudertrauma, während die Antriebsschlupfregelung alle Bits und Bytes voll zu tun hat, die sehr breiten Hinterräder am Durchdrehen zu hindern.

Ohne die stabiliserende Elektronik, das scheint klar, würde für dieses Auto auch gelten, was Gerhard Berger einst über den Ferrari F 40 sagte: "Bei Regen kommst mit dem nicht heil vom Parkplatz."

Mit Bedacht bewegt, ist der starke SL aber ein lammfrommes Auto. Er macht ganz einfach das, was der Fahrer will. In 16 Sekunden aus dem Stand auf 200 km/h? Kein Problem, wenn die Straße eben, trocken und lang genug gerade ist. Bremsen, dass einem die Augen aus den Höhlen treten? Bitte sehr, die gegenüber dem 500er nochmals vergrößerten Bremsen und die noch breiteren Reifen machen das ohne Anstrengung.

Zwischen diesen Extremen ist alles möglich, je nach Erfordernis und Laune von zart bis hart. Kurven nimmt der Ausnahme-Athlet dank der elektronischen Fahrwerksregelung ABC (Active Body Control) nahezu ohne Seitenneigung, wobei ihm die langen Schwünge wegen der vielen Pfunde allerdings besser schmecken als enge Kehren, wo eine Prise zu viel Gas ohnehin in hektischen Aktivitäten des ESP endet.

Schalten, weil der wilde Schub süchtig macht

Als Schmankerl für Selbst-Schalter hat AMG der brillanten Fünfgang-Automatik Druckknöpfe an der Lenkrad-Rückseite spendiert, mit denen sich die Gangstufen wechseln lassen. Auch der Griff zum Wählhebel ist möglich.

Doch nötig ist das alles nicht, denn erstens schaltet die Elektronik wirklich ausgezeichnet, und zweitens packen 700 Newtonmeter auch im großen Gang so unerbittlich zu, dass Zurückschalten Völlerei wäre.

Dass man trotzdem gern mit höheren Drehzahlen agiert, ist pure Lust am fast süchtig machenden Schub und am eindrucksvollen Auspuffklang, in den sich von vorn das leise Sirren des Kompressors mischt.

Erwähnenswert ist, dass dem politisch korrekt auf 250 km/h limitierten AMG trotz des gestrafften Fahrwerks kaum etwas vom guten Federungskomfort des 500er abhanden kam. Mit Hilfe der Active Body Control (ABC) haben die Fahrwerksentwickler einen guten Kompromiss zwischen sportlicher Straffheit und komfortabler Verbindlichkeit realisiert.

Angenehm auch das niedrige Geräuschniveau und die ungemein bequemen Sitze, die mit zum Besten zählen, was heute machbar ist.

Dass die Karosserie-Anbauteile relativ dezent ausgefallen sind, ist erfreulich. Schließlich zeigen viele SL der alten Serie in bedrückender Klarheit, dass so manche nachträglich angepassten Schweller, Front- und Heckschürzen schon nach kurzer Zeit so distinguiert wirken wie das Goldkettchen am braunen Hals des Semi-VIPs.

Ist der 55 AMG nun der bessere SL?

Die Antwort fällt schwer. Er kann vieles besser und kaum etwas schlechter. Dafür kostet er 30.000 € mehr. Ob er das wert ist? Die Frage stellt sich für seine Käufer nicht.

Auf jeden Fall haben die Tuner erst einmal ein Problem. Denn gegen weniger als 2000 Euro Aufpreis entfernt AMG - wo 500 Mitarbeiter traditionell die Mercedes mit dem Sportabzeichen entwickeln und bauen - auch die elektronische Drossel und ermöglicht so mehr als 300 km/h Spitze.

Und über kurz oder lang, so die Macher des schärfsten SL der Gegenwart, habe AMG sowieso die Nase vorn: Die Aluminium-Hinterachse des SL 500 verträgt nämlich "nur" 550 Newtonmeter Drehmoment.

Gehen Tuner über diese Grenze, kann es bei intensiver Nutzung der Mehrleistung irgendwann zu teuren Schäden kommen.

Beim SL 55 AMG ist dieser Bauteil von vornherein aus belastbarem Stahl.

Quelle: autocert.de

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