Mercedes-Benz ML 320 Geländewagen-Raritäten aus Alabama

Der Offroader glänzt mit guten Alltagsqualitäten - Probleme haben die Stuttgarter mit der Lieferzeit

(SZ vom 29.07.1998) Es war die richtige Entscheidung: Das Auto wird dort produziert, wo es den größten Markt dafür gibt. Die meisten Sports Utility Vehicles, wie die Amerikaner die modernen, freizeitorientierten Geländewagen nennen, werden eben in den USA selbst verkauft - und so produziert Mercedes-Benz die M-Klasse seit gut einem Jahr logischerweise im neuen Werk in Tuscaloosa in Alabama. 45 000 Exemplare verließen bisher die Fabrik - und nun scheint Mercedes vom eigenen Erfolg überrollt zu werden.

Das Gros der bisher produzierten Fahrzeuge verblieb in den USA, nur einige Tausend Stück wurden über den großen Teich nach Deutschland verschifft. Aber auch bei uns hat die M-Klasse einen Blitzstart hingelegt: Wer jetzt zum Händler geht, um eine M-Klasse zu erstehen, wird voraussichtlich erst Ende nächsten Jahres bedient werden können. Zwar will Mercedes-Benz die Produktionskapazitäten nochmals erhöhen, doch mag sich mancher MB-Interessent vorkommen wie die sehnsüchtigen Trabi-Käufer zu DDR-Zeiten, die bis zu 15 Jahre auf ihr Auto warten mußten. Bei Mercedes sind es immerhin nur 1,5 Jahre - deshalb ist die M-Klasse momentan noch eine Geländewagen-Rarität aus Alabama.

Faszination Offroader

Doch was sind die Gründe für die außerordentliche Beliebtheit der M-Klasse? Warum heimste sie seit ihrem Erscheinen mehr als zwei Dutzend mehr oder weniger wichtige Preise ein? Wir haben versucht, im Alltagsverkehr herauszufinden, was die Faszination des Offroaders mit dem Stern auf dem Kühlergrill eigentlich ausmacht.

Um das Fazit vorwegzunehmen: Es sind wohl die Allround-Eigenschaften, mit denen es die M-Klasse schafft, Vorurteile ins Wanken zu bringen. Gemeinhin gelten Geländewagen als groß, schwer und durstig. Für den Stadtverkehr sind sie zu schwerfällig, und wer fährt schon jedes Wochenende den Bergwerg zur Alm hinauf. Nach einer intensiven Begegnung mit dem ML 320, der stärkeren der in Deutschland angebotenen zwei Versionen, läßt sich aber konstatieren, daß auch Offroadern gegenüber eher ablehndend eingestellte Autofahrer schnell die Vorzüge des schwäbischen Amerikaners (oder sollte man besser sagen: des amerikanischen Schwaben) schätzen lernen.

Massiv, aber kürzer als die E-Klasse

Da wären zunächst einmal die Größe und die Platzverhältnisse: Steht man vor einer M-Klasse, erscheint sie mächtig, männlich und muskulös. Dabei haben es die Designer verstanden, diesen massiven Eindruck auf eine Gesamtlänge von 4,59 Metern zu verpacken - das sind immerhin 20 Zentimeter weniger als bei der E-Klasse. Auf der Rückbank bleibt auch dann genügend Kniefreiheit, wenn sich auf den vorderen Fauteuils große Menschen bequem eingerichtet haben. Und der Kofferraum nimmt mit einem Fassungsvermögen von 613 Litern, das durch Umklappen bis auf 2020 Liter erweitert werden kann, soviel Gepäck auf, daß es auch für einen vierwöchigen USA-Urlaub langen würde.

Weiterer Pluspunkt ist die hohe Sitzposition, die Übersicht schafft und so ein vorausschauendes Fahren ermöglicht. Dadurch kommt man zwar im Stau nicht schneller voran, aber man kann das Stauende zumindest früher erblicken als andere. Und wenn der Verkehr wieder rollt, wird deutlich, daß das Fahrverhalten der M-Klasse doch ziemlich nahe an den Komfort heranreicht, den man von einem Pkw gewohnt ist. Bodenwellen werden für einen Geländewagen gut geschluckt - kein Vergleich zu den heftigen Wank- und Nickbewegungen, wie man sie von kleinen FunCars her kennt.

Mit knapp zwei Tonnen gehört der ML 320 nicht gerade zu den Fliegengewichten - hier stimmt also das oft geäußerte Urteil über Offroader. Um so erstaunlicher, daß er relativ behende auf einen Druck auf das Gaspedal reagiert. Das ist ein Verdienst des 3,2-Liter-V6-Motors, der 160 kW (218 PS) mobilisiert. Der übliche Spurt von Null auf 100 km/h dauert 9,5 Sekunden, der Vortrieb endet bei 180 km/h - elektronisch abgeregelt. Allerdings muß diese Agilität mit einem Kraftstoffverbrauch bezahlt werden, der bisweilen weit über den 11,9 Litern Super liegt, die das Gefährt nach Herstellerangaben pro 100 Kilometer durchschnittlich verbrauchen sollte. Im Stadtverkehr oder auf der Autobahn flossen manchmal mehr als 15 Liter durch die Einspritzdüsen - hier stimmt das Vorurteil.

Der ML 320 ist mit einem Preis von 76 560 Mark beileibe kein Sonderangebot. Wer auf ein paar PS verzichten kann, mag sich für den ML 230 interessieren. Und Leistungsfetischisten sollten schon jetzt den Gang zum MB-Händler antreten, um sich ein Exemplar des ML 430 zu sichern, der im kommenden Frühjahr den Weg nach Deutschland finden wird: mit einem V8-Motor, der 272 PS leistet.

Von Otto Fritscher