Mercedes-Benz M-Klasse Eine Melange aus Macho und moderaten Tönen

Der ML 320 läßt sich auf der Straße sehr komfortabel fahren, ist aber auch fit für den Einsatz im Gelände

(SZ vom 02.08.1997) "The bigger, the better", sagt Kelly Black, "nach diesem Motto werden in den USA wieder Autos gekauft". Für den Chef-Verkäufer eines Reisebüros in Birmingham, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Alabama, sind die Jungs aus Germany gerade rechtzeitig über den großen Teich gekommen, um dort ihr neuestes Produkt erfolgreich zu vermarkten. Mit den Jungs aus Deutschland meint Kelly die altehrwürdige Automobilmarke Mercedes-Benz, die in den USA mit ihren Pkw schon immer reüssierte. Aber diesmal haben die Schwaben nicht einfach in Sindelfingen gebaute Autos in Schiffscontainer verpackt, sondern im Süden der Staaten, in Tuscaloosa/Alabama, eine Fabrik hochgezogen. Dort läuft eine nagelneue Modellreihe vom Band, die auf den US-Markt zugeschnitten ist.

Trend zum Geländewagen

The bigger, the better - dabei ist die M-Klasse, wie der neue Geländewagen mit dem eingelassenen Stern im Kühlergrill genannt wird, nicht unbedingt ein Superlativ, wenn es um die nackten Zahlen wie Außenlänge oder Motorleistung geht. Mit diesem Ausspruch wird nicht nur das Verhalten der US-Käuferschaft beschrieben, sondern auch das Marktsegment, in das die M-Klasse hineinrollen soll: In den USA geht der Trend seit Jahren weg vom Pkw, hin zu Minivans und Geländewagen. Mehr als 2,2 Millionen Einheiten dieser light trucks wurden 1996 in den USA abgesetzt.

The bigger, the better: Klar, daß ein neues Auto mit dem Stern kein gewöhnlicher Geländewagen sein will. Die Ingenieure, Techniker und Designer leiteten aus diesem Ausspruch den Anspruch ab, einen Geländewagen neu zu definieren: Die M-Klasse soll den Komfort eines Pkw mit der Geländetauglichkeit eines dezidierten Offroaders verbinden.

Dies hat schon so mancher Hersteller von seinem Geländewagen behauptet, in der Praxis aber blieb häufig der von Limousinen gewohnte Komfort auf der Strecke. In der Tat ist MB die Verbindung zweier gegensätzlicher Autotypen hervorragend gelungen. Bei ersten Fahrten präsentierte sich die M-Klasse beim Einsatz im Gelände als Macho, der auch auf schwierigen Passagen nicht gleich aufgibt, aber beim Gleiten auf den Highways oder im innerstädtischen Verkehr herrschen moderate Töne vor: Federung und Dämpfung sind in der Tat so, daß man glauben könnte, in einer Limousine unterwegs zu sein - wenn da nicht die hohe Sitzposition wäre.

Etwas irritierend wirkt nur die Modellbezeichnung: Die Baureihe heißt M-Klasse, das von uns gefahrene Modell aber ML 320. Wie man hört, hatten die Kollegen aus Bayern Einwände geltend gemacht: Bei BMW ist das M das Symbol für die M GmbH, jener weißblauen Tochter, bei der die Sportgefährte wie der M3, der M roadster oder der M5 entstehen. Also mußte flugs ein Buchstabe hinzugefügt werden - warum dies ausgerechnet ein L ist, wußte niemand zu sagen. In den USA wird der ML 320 von Oktober an zu haben sein, die deutschen Interessenten müssen sich noch bis zum Februar oder März nächsten Jahres gedulden. Dafür wird bei uns als Einstiegsmodell ein ML mit einem Vierzylinder-Motor angeboten werden. Der Basispreis soll bei rund 60 000 Mark liegen, womit schon klar wäre, daß die M-Klasse im Teich der Premium-Geländewagen abfischen soll, wo sich der Range Rover, der Chrysler Jeep Grand Cherokee, in Deutschland noch das hauseigene G-Modell und in den USA der Ford Explorer tummeln.

Der G muß weichen

In den Staaten wird der ML 320 für rund 35 000 Dollar angeboten werden - was aber nur wenig Rückschlüsse auf den in Deutschland zu erwartenden Preis zuläßt. Aber ein voll ausgestatteter ML 320 dürfte locker die 85 000-Mark-Grenze überspringen und damit preislich zu den G-Modellen aufschließen. Leistet sich Mercedes nun den Luxus, zwei Geländewagen parallel anzubieten? Zwei oder drei Jahre dürfte dies der Fall sein, dann ist das Ableben des G beschlossene Sache. Nur wenig mehr als 4000 Exemplare werden jährlich noch in Europa verkauft. Die großen Auftraggeber - die Militärs verschiedener Länder - haben ihre Bestände gefüllt, so daß kaum noch Anschlußaufträge zu erwarten sind.

Der G wurde Mitte der 70er Jahre schon im Hinblick auf eine militäre Verwendung konzipiert. Das ist bei der M-Klasse ganz anders: Sie ist überhaupt nicht für die Armeen dieser Erde bestimmt, sondern soll kaufkräftige Individualisten ansprechen, die - zumindest bei uns - nie wirklich abseits der Straßen fahren werden. In den USA spielt die Geländetauglichkeit eine größere Rolle.

Die Optik der M-Klasse ist nicht mehr so kantig wie beim G-Modell, aber in seiner Gesamterscheinung wirkt ein ML 320 äußerst handfest. Auch im Innenraum herrschen großzügige Platzverhältnisse. Ursprünglich war die M-Klasse als All Activity Vehicle bezeichnet worden - und die Prototypen, die etwa auf der Detroit Motor Show zu bewundern waren, wirkten deutlich graziler als die leibhaftige M-Klasse. Die Länge von 4,59 Metern ist zwar nicht gigantisch, aber mit der Höhe von 1,78 Metern und einem Gesamtgewicht von knapp zwei Tonnen ist klar, daß mit dem ML 320 kein neuer Benzinsparrekord aufgestellt werden kann: Die Werksangabe beträgt zwar 11,9 Liter Super bleifrei auf 100 Kilometer, der Verbrauch pendelte aber während unserer Fahrt bei Werten um 15 Liter.

Genug Kraft für zwei Tonnen

Mit 160 kW (218 PS) aus 3,2 Liter Hubraum steht der ML 320 gut im Futter. Doch subjektiv beschleunigt er etwas langsamer, als es die Papierform (von Null auf 100 km/h in 9,5 Sekunden) vermuten läßt. Dennoch ist in jeder Lebenslage mehr als ausreichend Kraft vorhanden, um den Zweitonner zügig zu bewegen. Wem dies noch nicht genügt, der muß sich ein Jahr länger gedulden, bis ein neuer Achtzylinder mit 4,3 Litern Hubraum und noch mehr Leistung für die M-Klasse verfügbar sein wird. Noch länger warten müssen die Diesel-Fans, da ein entsprechendes Aggregat 1999 in die M-Klasse Einzug halten wird.

Wunderbar ist den Technikern die Abstimmung des fünfstufigen Automatikgetriebes gelungen: Es schaltet butterweich und lädt in Verbindung mit dem in der US-Ausführung serienmäßigen Tempomaten zum gleichmäßigen Dahingleiten ein. Etwas nachbesserungsbedürftig erscheint die Abstimmung des Fahrwerks. Diese Kritik bezieht sich nicht auf den Komfort: Der ist auf holperigen Straßen, beim Überfahren von Bahnübergängen und anderen straßenbautechnischen Widrigkeiten ausgezeichnet.

Vielmehr ist der Wankwinkel der Karosserie in schneller gefahrenen Kurven erheblich größer als in einem Pkw. So braucht man vor engen Kurven, die schnell genommen werden sollen, ein größeres Herz als in einem Pkw. Im ML 320 kann man sogar mit Tempo 180 unterwegs sein - mehr ist aber nicht drin, weil die Höchstgeschwindigkeit elektronisch abgeriegelt wird. Sinnvoll erschiene der Einsatz eines elektronischen Federungs- und Dämpfungssystems, das sich automatisch oder manuell auf eine Normal- und eine Sport-Position einstellen läßt.

Zu den technischen Glanzlichtern der M-Klasse gehört das Antriebssystem. Der permanente Allradantrieb kommt ohne die drei konventionellen Differentialsperren aus. Deren Funktion übernimmt stattdessen das 4-ETS abgekürzte Four Wheel Electronic Traction System. Es reguliert die Kraftverteilung, sobald eines der vier Räder durchdreht und nicht mehr genügend Traktion hat. Ein traktionsloses Rad wird mit Hilfe des ABS kurzfristig so weit abgebremst, bis es wieder Haftung findet. Eine Novität ist auch, daß das ABS in Verbindung mit der Geländeuntersetzung anders funktioniert als im normalen Straßenbetrieb: Bei einer Bergabfahrt im Geröll dürfen die Räder länger blockieren als üblich, damit sich vor ihnen ein Keil aus Steinen oder Erde aufbaut, was im Gelände die Bremswirkung deutlich verbessert.

J. R. Ewing wäre begeistert

Sicherheitstechnisch ist die M-Klasse auf der Höhe der Zeit, sogar Seitenairbags haben erstmals Platz in einem Geländewagen gefunden. Und die M-Klasse wäre kein Mercedes, wenn die Liste der verfügbaren Ausstattungsdetails nicht schier endlos wäre. Dies reicht von der elektrischen Sitzverstellung über Sitzheizung, Navigationssystem, CD-Wechsler bis hin zu Lederausstattung und breiteren Reifen. Die genauen Preise will MB während der IAA in Frankfurt bekanntgeben - von diesem Zeitpunkt an dürfen Interessenten auch die Kaufverträge unterschreiben. 65 000 M-Klasse-Fahrzeuge sollen 1998 in Tuscaloosa produziert werden - und es bedarf keiner Prophetie, um vorherzusagen, daß die Karten im Segment der Edel-Offroader neu gemischt werden. The bigger, the better. J. R. Ewing würde den Fuhrpark der Southfork Ranch sofort um einen ML 320 bereichern.

Von Otto Fritscher