Mehr Staus denn je London befindet sich im Kriechgang

Stau auf der Straße "The Mall" am Buckingham Palace in London.

(Foto: Reuters)
  • Seit 2003 hat London eine Citymaut, die anfangs als Erfolgsmodell galt.
  • Doch inzwischen gibt es in der Innenstadt so viele Staus wie noch nie, die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen erreicht ein Rekordtief.
  • Schuld sind aber nicht etwa private Pkw, sondern Lieferwagen und Uber-Taxis.
Von Björn Finke, London

Bereits Samuel Pepys beklagte sich über Staus: In seinen Tagebüchern beschreibt der Politiker das Leben in London in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Damals verstopften Pferdekutschen die engen Straßen der Hauptstadt. Heute sind es Autos, Busse, Lieferwagen. Und die sind nicht schneller unterwegs als die Kutschen zu Pepys' Zeiten.

Die Durchschnittsgeschwindigkeit von Fahrzeugen in der Innenstadt beträgt nur 13 Kilometer pro Stunde, zeigen Zahlen der Verkehrsbehörde Transport for London. Über die vergangenen Jahre hat sich das Problem verschärft, die Staus werden länger. Der Stadtrat verlangt daher von Bürgermeister Sadiq Khan neue Wege in der Verkehrspolitik. Der Sozialdemokrat will in den kommenden Wochen seine Strategie vorstellen.

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Unter anderem fordern die Abgeordneten Änderungen bei der Citymaut. Diese "Congestion Charge", also Stau-Abgabe, erhebt London seit 2003; die Stadt gilt als Pionierin moderner Verkehrssteuerung. Eine solche Maut einzuführen, wird auch in staugeplagten deutschen Städten immer wieder diskutiert, etwa in München. In London war die Abgabe zunächst ein Erfolg, die Durchschnittsgeschwindigkeit im Zentrum erhöhte sich deutlich. Dieser Trend kehrte sich aber bald um. Inzwischen quälen sich die Autos langsamer voran als vor dem Start der Maut.

Autobesitzer müssen 11,50 Pfund zahlen, wenn sie werktags in die Innenstadt fahren. Das sind happige 13,50 Euro: pro Tag. Kameras filmen den Verkehr, eine Software erkennt die Nummernschilder. Die Strafe wirkt: Deutlich weniger Londoner steuern mit ihrem Auto das Zentrum an. Dafür sind jetzt mehr andere Fahrzeuge unterwegs. So steigt die Zahl der Lieferwagen auf den Straßen rasant. Im Internet einzukaufen, wird immer beliebter, und viele Hauptstadtbewohner lassen sich ihre Bestellungen ins Büro im Zentrum zustellen, wenn daheim im Vorort tagsüber niemand zu Hause ist.

Auch Uber trägt zum Dauerstau bei

Unternehmen in der Innenstadt sollten ihren Angestellten solche privaten Lieferungen ins Büro verbieten, fordern die Stadtratsabgeordneten. Bürgermeister Khan könne die Konzerne zwar nicht zu so einem Bann zwingen, sollte aber für die Idee werben, heißt es in dem 65-seitigen Report der Gemeindevertreter.

Der Siegeszug von Uber trägt ebenfalls zum Dauerstau bei. Seit 2012 können Londoner mit dem Handyprogramm der Internet-Firma bequem ein Taxi bestellen. Allerdings kommt dann kein Black Cab, also eine der berühmten schwarzen Droschken, sondern ein Allerweltsauto, und der Fahrer hat keinen Taxischein. Dafür ist die Reise billiger. Die Zahl der Black Cabs stagniert seit Jahren bei 22 500. Zugleich sind in London jedoch 85 000 Autos von günstigeren Black-Cab-Rivalen wie Uber unterwegs. Und deren Zahl stieg seit 2013 um atemberaubende 70 Prozent.

Bisher sind diese Billig-Taxen von der Citymaut befreit. Der Stadtrat verlangt, sie miteinzubeziehen. Die Stau-Abgabe soll zudem für alle Autos grundlegend geändert werden. Statt einer Tagespauschale sollten Fahrer besser gestaffelte Beträge zahlen, je nachdem, wann und wie lange sie im Zentrum herumkutschieren. Das schaffe Anreize, die Innenstadt schnell wieder zu verlassen, sagen die Politiker. Der Kampf gegen den Dauerstau geht in die nächste Runde.

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