Ob er nun wirklich schön ist, wissen nur die Götter - und jedes Jahr rund 40 Käufer

(SZ vom 04.11.1992) Auch in der Automobilhistorie gibt es Legenden - die der Herren Daimler und Benz ist schon oft erzählt worden, die des Enzo Ferrari noch öfter. Aber wer kennt schon die Geschichte der fünf Maserati- Brüder, die in den 20er Jahren mit dem Bau von Rennwagen begannen und erfolgreich gegen die Konkurrenz antraten?

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In den 50er Jahren gab es dann die Formel 1-Weltmeisterschaft mit Juan- Manual Fangio, die großen Rennsportwagen der Mille Miglia und von Le Mans - dazu gab es aber auch die ersten Sportwagen für eine verwöhnte Klientel, denen ein Mercedes-Benz 300 SL zu teutonisch und ein Ferrari zu vulgär war. Auf den 3500 GT folgten Fahrzeuge wie der Mistral, der Mexico, der Ghibli und als letzter Höhepunkt der Khamsin.

Von da an ging es bergab: Citroën übernahm die Luxusmarke, um dann selbst als Sanierungsfall in die Arme von Peugeot zu sinken. Als der argentinische Multimillionär und Ex-Rennfahrer Alejandro de Tomaso schließlich das bankrotte Unternehmen für einen Apfel und ein Ei aus den Händen des Staates übernahm, benutzte er den prestigeträchtigen Namen für eine kleine, bärenstarke Limousine namens Biturbo, mit der sich die Italiener ihre temperamentvolle BMW- Alternative in die Garage stellen konnten.

Der Biturbo ist zum Fluch und Segen des Unternehmens geworden: Einerseits reichten die Stückzahlen bislang aus, um einigermaßen überleben zu können - andererseits sind sie aber zu klein, um neue Modelle zu entwickeln, die die mittlerweile elf Jahre alte Baureihe ersetzen könnten. Und so gibt es mittlerweile zwei- und viertürige Varianten, ein Cabriolet mit einem daraus resultierenden Coupé, Motoren in verschiedenen Hubraum- und Leistungskategorien - insgesamt gesehen ein recht unübersichtliches Programm, das den Käufer eher verwirrt.

Alejandro de Tomaso scheint diese Problematik erkannt zu haben - aber wie gesagt: eigentlich fehlt das Geld. Da half auch eine kurzfristige Beteiligung des Hauses Chrysler nichts, mittlerweile ist dafür Mama FIAT eingestiegen - aber auch hier wird es noch seine Zeit dauern, bis Synergien aus den anderen Unternehmensbereichen zu bemerken sein werden.

Eine lange Vorrede für ein sehr spezielles Maserati-Modell. Denn der Shamal ist das erste Fahrzeug, mit dem Maserati aus diesem Dilemma zu kommen versucht - deshalb hat der V-6-Zylinder mit den beiden Turboladern zwei zusätzliche Zylinder angehängt bekommen, und der Designer Marcello Gandhini durfte sich an einem neuen Kleid für den kleinen Kraftprotz versuchen.

Ghandini gilt bei den Insidern ja als eines der Design-Genies schlechthin - ein introvertierter Tüftler, der zu seiner Zeit als Chef-du-Bureau im Hause Bertone Klassiker wie den Lamborghini Miura, den Espada oder den Countach einkleidete. Andererseits wurde der Meister in den letzten Jahren immer skuriller - und mit dem Shamal schuf er für dieses 240 kW (326 PS) starke Coupé eine verquollene Hülle, für vor Breite kaum noch laufen kann. Und sogar vor die Scheibenwischer wurde noch ein Spoiler gepflanzt.

Aber Form ist Geschmackssache - 'und für diesen bärenstarken Wagen ist die Optik in Ordnung, denn sie signalisiert die Kraft, die unter der Motorhaube zu Hause ist', so Rüdiger Czakert, der als Besitzer der deutschen Importfirma Italia Automobili, dieses Jahr etwa 200 Exemplare der Fahrzeuge mit dem Neptun- Dreizack auf dem Kühlergrill nach Deutschland bringen wird.

Das Interieur ist typisch italienisch: Raffleder allenthalben, garniert mit edlem Holz und einer wunderschönen mechanischen Uhr in der Mitte des Armaturenbretts, die mit einem Extra-Schalter illuminiert werden kann. Und wenn dann der Zündschlüssel herumgedreht ist, und der Achtzylinder mit seinen vier obenliegenden Nockenwellen, 32 Ventilen und zwei Turboladern seine Arbeit aufgenommen hat, dann wird auch der Umwelt klar, daß hier die legitimen Erben der italienischen Motorbaukunst am Werk waren. Der Motor ist nicht wirklich laut, aber er ist präsent - und beim Anfahren zeigt er dann auch, daß 326 Pferdestärken mit diesem kleinen Coupé (trotz des Leergewichts von knapp 1,5 Tonnen) nicht viel Probleme haben. Für den Spurt auf 100 km/h benötigt der Shamal ganze 5,3 Sekunden, der stehende Kilometer wird in 25,6 Sekunden durcheilt und mit der Hilfe eines gut abgestimmten und präzise zu schaltenden Sechsgang-Getriebes pendelt sich die Höchstgeschwindigkeit dann bei 270 km/h ein.

Die reine Fahrfreude wird nun etwas dadurch vergällt, daß der Shamal über einen relativ kurzen Radstand verfügt, und der Wagen eine entsprechende fahrerische Routine verlangt, da er (besonders bei feuchter Fahrbahn) ansatzlos zum Übersteuern neigt. Andererseits besitzt der Wagen mit dem Namen eines afrikanischen Windes hervorragende Bremsen, die den intelligenten Fahrer erst garnicht in unvernünftige Geschwindigkeitsbereiche kommen lassen.

Um etwaigen Leserbriefen über den Sinn und Unsinn derartiger Automobile vorzukommen, möchten wir unseren Lesern auch gleich mitteilen, daß von diesem Wagen jährlich etwa 40 Exemplare ihren Weg nach Deutschland finden - zu wenig, um einen ernsthaften Beitrag zur Diskussion um ein Tempolimit zu liefern. Und andererseits genügend, um wenigstens hin und wieder ein Automobil auf der Straße zu sehen, daß noch über Charakter und den Nimbus einer alten Tradition verfügt.

Von Jürgen Lewandowski

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