Manipulation beim ADAC Der Club der Engel braucht einen Schnitt

Das Logo des ADAC auf dem Dach des ADAC Technik Zentrums in Landsberg am Lech: Das Unternehmen ist in der Existenzkrise.

Gemeinnütziger Verein auf der einen, milliardenschweres Unternehmen auf der anderen Seite: Spätestens seit dem jüngsten Manipulationsskandal steckt der ADAC in einer Existenzkrise. Dabei liegt die Lösung auf der Hand.

Ein Kommentar von Thomas Fromm

Menschen haben oft den verräterischen Drang, ihre geheimen Wünsche in Architektur auszudrücken. Sie verbauen sozusagen ihr eigenes Selbstverständnis in Palästen, Hochhäusern und mit Symbolik aufgeladenen Skulpturen. Der Petersdom in Rom, das Weiße Haus in Washington, der Eiffelturm in Paris, Schloss Neuschwanstein - es sind Demonstrationen geistiger, technologischer oder politischer Macht, die viel über die Ziele und Wünsche ihres Auftraggebers aussagen. Oder, wie im Fall des bayerischen Märchenschlosses, über dessen Geisteszustand.

Auch der ADAC hat sich vor rund zwei Jahren ein neues Bürogebäude in München bauen lassen, das viel über das eigenartige Selbstverständnis seiner Führungsspitze aussagt. Ein Monument aus Stahl und Glas, 92 Meter hoch, 300 Millionen Euro teuer, fast so hoch wie die Münchner Frauenkirche, und fast so auffällig wie der Vierzylinder, die BMW-Konzernzentrale. Das architektonische Großwerk zeigt die ganze Hybris des Automobilclubs, der sich selbst als omnipotenten Großkonzern wahrnimmt, der international agieren und politisch Einfluss nehmen kann, wann, wie und wo es ihm passt. Und der sich längst in einer Liga sieht mit denen aus den Konzernen und der Politik.

Das ADAC-Dilemma

Der ADAC spielt aber nicht in einer Liga mit den Großen aus der Wirtschaft, und genau das ist sein Dilemma: Hier die Herrenriege in dunklen Anzügen, die sich wie die Manager eines milliardenschweren Dax-Konzerns inszenieren, ihren Gewinninteressen nachgehen und dabei ein schwer zu durchschauendes Firmen-Konglomerat mit Verlag, Versicherungen, Vermietungsgeschäften und Milliardenumsätzen steuern. Auf der anderen Seite die Basis. 19 Millionen Mitglieder, fast jeder vierte Deutsche. Die gelben Engel, die Pannenhelfer, die Kfz-Mechaniker, all die Menschen, die bei Wind und Wetter Warnwesten an Kinder verteilen. Beide Seiten - die Helfer mit den Warnwesten und die grauen Herren - passen schon lange nicht mehr zusammen. Deshalb ist es höchste Zeit, sie zu trennen.

Es wäre das Ende eines perfiden Spiels, das jahrelang hervorragend funktionierte: Der ADAC konnte auch gerade deshalb als mächtige Lobbygruppe agieren, weil er sich als Interessenvertretung von Millionen von Autofahrern auswies. Ob es dabei wirklich um die Mitglieder ging oder um die Interessen einzelner Industriegruppen wie etwa bei den Diskussionen um Tempolimits oder das Biokraftstoffgemisch E 10, ob der ADAC hier als verdeckter Lobbyist auftrat - schon die Frage war für die Funktionäre unzulässig.

Kann man den ADAC noch ernst nehmen?

Nach den Manipulationen beim Gelben Engel muss sich der ADAC jetzt noch ganz andere Fragen anhören: Wenn die Zahlen dort schon nicht stimmten, was ist dann erst mit all den anderen Statistiken und Vergleichstests? Mit den Studien und Urteilen zu Autos, Tunneln, Reifen und Autobahnraststätten? Nimmt die noch einer ernst? Kann man die noch ernst nehmen?

Der ADAC braucht einen Schnitt, sonst werden ihm irgendwann die Mitglieder fernbleiben. Schon vor dem Skandal war der ADAC kulturell weit von dem entfernt, was junge Menschen heute umtreibt. Nach dem Skandal wirkt es erst recht wie zwei Welten. Immer weniger junge Leute kaufen ein Auto, immer mehr von ihnen leihen oder teilen sich eines. Hier versagt das anachronistische Instrumentarium des ADAC: Mit seinen alten Debatten, seiner Polemik gegen Tempolimits, mit aus der Zeit gefallenen Preisen für Lieblingsautos, mit denen die Hersteller dann hinterher für ihre Modelle werben können, wird man junge Menschen in Zukunft kaum noch überzeugen können.

Symbiose von Mitgliederverein und Profit

Aufklärung, wie sie die ADAC-Chefs anbieten, genügt nicht. Der ADAC muss sich neu sortieren, wenn er als Ganzes überleben will. Die Geschäftsführung des ADAC dürfte sich gegen eine solche Neuordnung, wie sie von einigen gefordert wird, wehren. Denn wer den ADAC auseinandernimmt, ihm eine neue Struktur gibt, der gibt nicht nur diese seltsame Macht ab, mit sich der ADAC jahrelang nach Gutsherrenart führen ließ. Er zerschlägt auch diese Symbiose von Mitgliederverein und Profit, mit der sich lange gutes Geld verdienen ließ. Der wirtschaftliche Arm des ADAC hat die Engel für sein Image, seine Kampagnen und seine Lobbyarbeit nötig. Umgekehrt liegen die Dinge anders. Ein Pannenhilfe-Verein, der über eine Milliarde Euro an Mitgliedsbeiträgen einsammelt und der das Vertrauen der Menschen hat, kommt auch gut ohne Kreditkarten- und Clubreise-Angebote klar. Ebenso wie ein solcher Verein wohl auch gut ohne die heutigen Chefs klar käme.

Der Millionen-Palazzo des ADAC in München steht nun einmal da. Man sollte ihn jetzt mit neuem Leben füllen.