Mit zwei Motorvarianten und zu Preisen ab 16 700 Mark

(SZ vom 19.06.1993) Er gilt als Armani-Anzug unter den Kleinwagen - jedenfalls bei denen, die ihn als standesgemäße Garderobe unserer Zeit empfehlen und gegenüber anderen Produkten aus dem gleichen Hause abgrenzen möchten. Sein Name klingt nach High-Tech, sein Outfit wirkt avantgardistisch und sein Anspruch ist exklusiv: Lancia Y 10.

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Phantasievolle Menschen dürfen sich das Haus Fiat als gut eingeführtes Konfektionsgeschäft für Stadtmenschen vorstellen, das der Laufkundschaft im Parterre den Fiat Cinquecento, den Abenteurern im Tiefparterre den Fiat Panda und den Avantgardisten im ersten Stock den Lancia Y 10 anbietet. Kunden des Lancia- Stadtwagens, so könnte es im Händlerschulungs-Brief stehen, möchten Höhenluft schnuppern. Schließlich interessieren sie sich für einen Karrieristen, der 1985 als Kleinwagen begann und mittlerweile zum Citycar avancierte. Seine Väter loben ihn sogar als Trendsetter. Seit Anfang April kommt er mit neuem Schliff.

Traditionell versteht sich Lancia als technologischer Vorreiter im großen Fiat- Haus. Damit einher geht das Bemühen, dem Kunden mehr Komfort zu bieten als er in Schwester-Fahrzeugen von Fiat oder Alfa Romeo findet. So setzt sich auch der neue Y 10 mit technischen Neuerungen an Motor und Getriebe sowie mit Ausstattungsdetails an die Spitze der Kleinwagen-Palette des italienischen Hauses. Nach außen sichtbar, grenzt er sich mit einem überarbeiteten Kühlergrill zwischen neu gestalteten Scheinwerfern, beides im familienkonformen Dedra-Look, und breiten Heckleuchten vom Vorgängermodell ab.

Zwei quer eingebaute Motoren stehen dem häufig auf Kurz- und Mittelstrecken Reisenden zur Auswahl: ein 37 kW (50 PS) starker 1,1-Liter-Vierzylinder- und ein 1,3-Liter-Motor mit 53 kW (72 PS). Letzterer verfügt über eine Multipoint-Benzineinspritzung mit elektronischer Zündung. Er beschleunigt das 855-Kilogramm- Leichtgewicht Y 10 1.3 Elite, wenn es unbedingt sein muß, sogar auf 170 Stundenkilometer. Im Drittelmix verbraucht der spritzige, serienmäßig mit Leichtmetallfelgen ausgestattete Wagen 6,9 Liter Super bleifrei. Sein maximales Drehmoment von 100 Nm liegt bei 3250/min und verleiht ihm innerorts selbst im fünften Gang gute Durchzugskraft. Mit einem Grundpreis von 19 950 Mark markiert er das obere Ende der Y-10-Preisskala.

Einsteigen in den exklusiven Y-10-Club kann man mit 16 700 Mark. Dafür erhält man mit dem 1.1 i.e. das moderne Motor- Management Bosch-Monotronic, ein Kraftstoffverdunstungs-Rückhaltesystem mit einer verteilerlosen Zündung. Der mit Zentralverriegelung, elektrischen Fensterhebern, höhenverstellbaren Sicherheitsgurten und ebensolchem Lenkrad sowie mit klappbarer Fondsitzbank ausgestattete Dreitürer läuft bis zu 150 Stundenilometer schnell und verbraucht mit Fünfganggetriebe im Drittelmix 6,1 Liter Super bleifrei.

Dazwischen liegen die Ausstattungsvarianten Elite und Avenue, die die Mehrkosten von 1700 beziehungsweise 2000 Mark gegenüber der Grundausstattung durch wärmedämmende Verglasung, von innen einstellbaren rechten Außenspiegeln, höhenverstellbare Kopfstützen vorn, Digitaluhr und höhenverstellbarem Fahrersitz rechtfertigen. Gegenüber dem Elite glänzt der Avenue zwar mit Metallic- Lackierung, spart aber die asymmetrisch klappbare Fondsitzlehne ein.

Wer den rund 4,43 Meter kurzen, 1,51 Meter schmalen und 1,44 Meter hohen Y 10 entsprechend seiner Bestimmung überwiegend im Stadtverkehr fährt, ist mit der 1,1-Liter-Version zeitgemäß motorisiert. Unter 4000 Touren lohnt es sich, das vom Lenkrad aus zu bedienende Cassettenradio (Aufpreis 1415 Mark) einzuschalten, um sich von der akustischen Bedrängnis durch die Außenwelt weitgehend abzuschotten. Wer es besonders gut mit sich meint, gönnt sich darüber hinaus das stufenlose Automatikgetriebe 'Selectronic' für 1200 Mark, oder eine FCKW- freie Klimaanlage für 1920 Mark. Beides zusammen verkraftet das Motörchen nicht. Wer die Automatik wählt, kann sich aber mit einem Sonnendach für 910 Mark kühlen. Extravagante Zeitgenossen haben ferner die Wahl, für 610 Mark Alcantara- Sitzbezüge zu ordern und für 455 Mark eine immer wieder spektakulär wirkende Infrarot-Fernbedienung in seltener Kombination mit elektrisch verstellbaren Außenspiegeln.

Kleinwagen seien modern, will uns die Flut neuer Modelle suggerieren, doch der Markt explodiert nicht so wie erwartet. Im B-Segment, wo auch der Y 10 zu Hause ist, geht die Nachfrage seit 1991 sogar leicht zurück. Lancia wünscht seinem komfortablen Zwerg einen Marktanteil von 18,4 Prozent für dieses Jahr (das heißt: 7380 Autos), nachdem der 1992 auf 16,7 Prozent gefallen war. Ob er trotz Faceliftings einiger markanter Details der neuen runden Welle - angeführt vom aktuellen Opel Corsa - Paroli bieten kann, wird davon abhängen, ob seine Fans auch in Zukunft gewillt sind, für ein bißchen Extravaganz Treppen hinaufzusteigen.

Von Jürgen Zöllter

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