Dieses Automobil ist böse: Der Mythos Lamborghini ist aber museumsreif. Jedenfalls wird er gerade in der Münchner Pinakothek der Moderne.
Woody Allen hat sich die Hölle als einen Ort vorgestellt, in dem Jazzmusik erklingt und erotische Schlampen herumlaufen - als eine Art Nachtclub also. Leider fehlt etwas Entscheidendes an dieser Vorstellung, aber zum Glück gibt es ja in der Münchner Pinakothek der Moderne die Neue Sammlung für Design - und mit dem Leiter der Sammlung, Florian Hufnagl, einen advocatus diaboli, der auch über entsprechende Visionen verfügt.
Die Fugen des Bösen: Lamborghini Murciélago (© Foto: Pinakothek der Moderne, München)
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Die Hölle
Und so hat Hufnagl die Hölle im noch betonnackten, jungfräulichen Rohbau des Schaudepots, tief unten in der Pinakothek, noch einmal neu inszeniert: dieses Mal bereichert um sieben schwarzlackierte Bestien, die nun in einer Art nachtdunklem Käfig schlafen, gleichsam sicherheitsverwahrt, teilweise auf einem Nagelbett ruhend - und beleuchtet nur von einzelnen, giftgrünen Lichtspots. Noch schlummern sie. Aber Vorsicht: Bald könnten sie wieder aufwachen und ihr ohrenbetäubendes Gebrüll loslassen. Die Hölle: Das ist ein Striplokal, vor dem kein anderes Automobil parken darf als ein Lamborghini.
Wie zum Beispiel der Murciélago aus dem Jahr 2003, entworfen von Luc Donckerwolke. Ein flaches, fieses Monster, 580 PS und 1650 Kilogramm schwer, mit einem V12-Zylindermotor, den man nur brutal nennen kann - und sage und schreibe nur 1135 Millimeter hoch. Das ist kein Auto, das ist ein Kampfflugzeug, welches seine Schwingen, die Flügeltüren, nur in gebändigtem Zustand, in der Hab-Acht-Warteposition ausfährt - aber sich bei über 300 Sachen so luftdurchlässig macht wie möglich, mimetisch die Luft ansaugt, durch offene Schlitze den Anpressdruck erhöht: damit man nicht einfach davonfliegt.
Das Design von Lamborghini ist aerodynamische Notwendigkeit - und grimmigste Maschinenästhetik, der Attraktion geschuldet: der Erdanziehung nämlich. So sieht er aus wie ein riesiges, kantiges, mit Stereoiden vollgepumptes Insekt, mit seinen dicken Rückspiegel-Fühlern und seinen nervös aufragenden Flügeltüren.
Akt der Wut und Rache
Kein Zweifel: Lamborghini ist böse, radikal und irgendwie nicht von dieser Welt. Zu kräftig, zu schnell, zu teuer. Ein überflüssiges Luxusgeschöpf, eine Phantasmagorie - und vielleicht gerade deshalb wichtig in einer Welt voller banaler Notwendigkeiten. Den Traum, aus dem Jammertal der Gegenwart auszubrechen, verkörpert von allen Automobilen am perfektesten Lamborghini - durch seinen Nimbus der Unverfügbarkeit. Er ging nie in Serie, viele Modelle blieben Einzelstücke - und von Anfang an war seine Züchtung nichts anderes als ein Akt der Wut und Rache, flüchtige Energie.
Zu jedem Mythos gehört eine Ursprungsgeschichte. Die von Lamborghini lautet so: Der Traktorbauer Ferruccio Lamborghini, ein begeisterter Ferrari-Fahrer, wollte Firmenboss Enzo Ferrari auf Mängel an dessen Fabrikaten aufmerksam machen - und wurde rüde abgewiesen. Der Akt der Kränkung wandelte sich in Stolz: Dem zeig ich's. Lamborghini, der neben dem Bau von Brennern, Klimaanlagen und Hubschraubern bis dahin vor allem mit rustikal umgewidmeten Kriegsschrott Erfolg gehabt hatte - Schwerter zu Pflugscharen -, dieser Lamborghini formulierte im Jahr 1963 in Sant'Agata Bolognese, unweit des Ferrari-Stammsitzes Maranello, die Antithese zur mondänen, leichtfüßigen Ferrari-Eleganz: Er baute fortan die gefährliche Rakete mit dem wutschnaubenden Kampfstier im Wappen, der dem behenden Ferrari-Ross Mores lehren sollte.
Wild at Heart
1965 dann entwarf der bei Bertone angestellte Marcello Gandini den Miura P400 - viele Lambos tragen Stiernamen - und sofort wollten alle einen haben. Der Miura ist der erste "Supersportwagen" der Geschichte, mit einem wuchtigen Motor- und Getriebeblock hinter dem Fahrer - und einer zwar funktionell entleerten, aber dennoch trotzig weit nach vorn sich streckenden Schnauze. Wie das Lambo-Urmodell, der 1964 vorgestellte 350GT (der nicht ausgestellt ist), trägt der Miura den Gencode aller zukünftigen Modelle vollständig in sich.
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