Drohende Diesel-Fahrverbote Der Dieselantrieb ist eine große Lüge

Umweltverbände fordern schon lange Innenstadt-Fahrverbote für Dieselautos - und sogar einen Verkaufsstopp.

(Foto: dpa)

Die Hersteller haben saubere Dieselautos versprochen und Stinker geliefert. Deshalb ist es richtig, über Fahrverbote nachzudenken. Aber bitte so, dass es für die Kunden sozialverträglich ist.

Kommentar von Max Hägler

Wer zu Ostern noch einmal beim Skifahren war, konnte das Drama riechen. Ein Spätnachmittag, kühl, aber nicht eisig. Wenn dann alle ihre Sportgeräte in den Autos verpackt haben und Hunderte gleichzeitig abfahren, wähnt man sich an einer Autobahntankstelle im Jahr 1980: Überall qualmt es und stinkt es nach Abgasen. Zuvorderst ist es Dieselodeur, weitgehend ungefiltert, weil die Abgasanlagen in der kühlen Luft, zumal beim Anfahren, weitgehend abgeschaltet sind. Zum Motorschutz, sagt die Industrie. Das meiste, was da rumfährt, sind: Schönwettermobile. Und die Politik erlaubt das auch. Erlaubte das, muss es heißen. Denn nun drohen in diversen Städten Fahrverbote, weil die Messgeräte zeigen, dass es vielerorts so dreckig ist wie um 17 Uhr an einem Liftparkplatz.

Das Ansinnen ist richtig: Denn was da hinten rauskommt, ist nicht gesund. Das viel diskutierte Stickoxid etwa ist ein Reizgas. Hier muss zum Schutz der Menschen nachgeregelt werden. Aber zugleich darf ein Aspekt nicht aus dem Blick kommen: der soziale. Wer sich vor - sagen wir - vier, fünf Jahren ein Dieselauto für 30 000 Euro gekauft hat, der muss darauf vertrauen können, dass er es fahren darf. Der Hersteller hat ihm damals - vor nicht langer Zeit - versichert, die installierte Abgasreinigung entspreche dem Level Euro 5, sei sehr sauber. Der Gesetzgeber und seine Behörden haben den Wagen zugelassen. Es kann nicht sein, dass dies nicht mehr gilt. Dass man sich vom kommenden Jahr an in Stuttgart, München oder bald wohl auch anderen Städten abermals für zigtausend Euro ein neues Auto kaufen muss, ist für viele schlicht nicht machbar, weil es viel zu teuer ist.

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Auch dies muss berücksichtigt werden, muss Eingang finden in diese nötige Debatte um den Dieselskandal und seine Folgen - bei den Gerichten, die nun über Fahrverbote entscheiden, und bei den Politikern, die an Regelungen arbeiten. Seit einigen Wochen ist im Gespräch, mittelalte Autos nachzurüsten mit weiteren Reinigungsanlagen, auf dass es ein bisschen weniger schmutzig wird. Das ist richtig, denn es gilt, einen Kompromiss zu finden zwischen mehr Gesundheitsschutz und einem Bestandsschutz. Halb so dreckig ist im Gespräch, das wäre für die kommenden Jahre eine vernünftige Sache, egal ob am Liftparkplatz oder auf den viel befahrenen Straßen in den Großstädten.

Dabei ist die Lösungssuche knifflig, gerade wenn technisches Zeug hineingeschraubt werden müsste in die Autos. Kaum machbar, sagen manche Ingenieure in der Branche. Jedenfalls sehr aufwendig, und damit teuer. An den Autofahrern darf das jedoch nicht hängen bleiben.

Autokäufer sollten über Antriebsalternativen nachdenken

Es ist die große Diesel-Lüge: Die Hersteller haben etwas versprochen, im Wissen, dass die Realität anders aussieht. Sie wussten, dass der Auftrag ist, Autos sauberer zu machen, damit die Menschen besser leben können. Prüfstandsgrenzwerteinhaltung hin oder her - das dahinterstehende Ziel muss allen klar gewesen sein. Insofern kann man die Weinerlichkeit, mit der die Manager jetzt auf die ach so neuen Herausforderungen reagieren, ohne weitere Debatte übergehen. Ihre Ingenieure sollen einen Kompromiss ermöglichen, darum geht es. Und die Konzerne müssen relevante Anteile der Kosten dafür übernehmen. Wie auch die Behörden mitzahlen müssen, beziehungsweise der Staat, der zumindest geahnt hat, dass da legal getäuscht und aufgehübscht wurde. Alles andere wäre unsozial.

Und für die Zukunft? Es gibt Dieselmotoren, mit Milliardenaufwand in Deutschland entwickelt, die tatsächlich sehr ordentlich arbeiten, die auch von Umweltlobbyisten hochgelobt werden - zumal weiter gilt: Der Diesel ist sparsamer als ein Benziner, was ja nun auch kein unwesentlicher Punkt ist aus Umweltsicht. Allerdings geben die Messergebnisse, die das Umweltbundesamt erst jüngst veröffentlichte, Anlass zu weiterer Skepsis. Die Motoren der angeblich allerhöchsten Sauberkeitsstufe Euro 6 sind in der Realität durchschnittlich schlechter als jene älteren, die jetzt verboten werden sollen. Eine absurde Situation.

Die Konsequenzen sind noch schwer abzusehen: Wird der Diesel generell mit Fahrverboten belegt? Möglich. In manchen europäischen Großstädten wie Paris ist das schon im Gespräch. In Deutschland müssen Gerichte, Kommunen und die Regierung zueinanderfinden, müssen zu einer gemeinsamen Linie beim Diesel und all den Grenzwerten finden, auf die Autofahrer vertrauen können und die Anwohnern hilft. Das wird noch einige Monate dauern. Bis dahin gilt wohl: Am besten abwarten. Und derweil nachdenken über die Alternativen beim Antrieb: über das ganz normale Benzin, Strom oder über das zu Unrecht vernachlässigte Erdgas.

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