Ein Interview von Marion Zellner

So schön kann Freiheit sein - in jedem Alter hat der Führerschein einen anderen Stellenwert. Bernhard Schlag, Professor am Verkehrspsychologischen Institut der Technischen Universität Dresden, über die Probleme, wenn Senioren ihren Führerschein nicht abgeben wollen.

SZ: Welche gesellschaftliche oder auch soziologische Rolle spielt der Führerschein in Deutschland?

Führerschein, dpa

Am Material des Führerscheins erkennt man auch das Alter des Fahrers (© Foto: dpa)

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Schlag: Das ist für die verschiedenen Altersgruppen sehr unterschiedlich. Von den jungen Leuten wird er als einer der zentralen Schritte ins Erwachsenenleben betrachtet, sozusagen als der letzte, noch mögliche Initiationsritus.

SZ: Und für die Älteren?

Schlag: Ist es völlig anders. Durch die Chronologie des lebenslangen Fahrens hat der Führerschein eine hohe Wichtigkeit und dient dazu, nach wie vor ein produktives Leben zu führen. Man will sozial integriert und anerkannt bleiben.

SZ: Was löst die Überlegung, den Führerschein abzugeben oder nicht, psychologisch aus?

Schlag: Eine Entscheidung fällt meist gar nicht. Die Menschen geben ihn in aller Regel nicht ab. Der Führerschein steht für jahrzehntelange aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Diesen Aktivitäten kann man leichter mit dem Auto nachgehen.

SZ: Warum fällt eine Entscheidung zum Abgeben so schwer?

Schlag: In seinen Wirkungen ist das zu vergleichen mit einem Trauma oder etwa einer schweren Erkrankung. Man hat den Eindruck, jetzt geht es eine Stufe runter. Es kommt zu einer Kränkung des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls.

SZ: Kann man als erwachsenes Kind seine Eltern positiv beeinflussen?

Schlag: Das ist ein ganz heikles Thema. Finnland hat da jetzt einen fragwürdigen Vorstoß unternommen. Dort müssen erwachsene Kinder zustimmen, wenn ihre Eltern, die über 75 Jahre alt sind, ihren Führerschein verlängert haben wollen. Das ist sehr kränkend.

SZ: Wer aber kann dann überhaupt solche Senioren, die augenscheinlich nicht mehr fahrtüchtig sind, auf ihre selbst nicht wahrgenommenen Defizite aufmerksam machen?

Schlag: Der beste Ansprechpartner ist der Hausarzt. Viele ältere Menschen sind sowieso öfter dort, er ist also meist eine Vertrauensperson und wird als Ratgeber akzeptiert.

SZ: Sollten dann Gesundheitschecks von einem bestimmten Alter an verpflichtend werden?

Schlag: In vielen Ländern ist das schon so, Deutschland ist da eine Insel der Glückseligen. Solche Tests kann man auch hier schon machen - aber eben auf freiwilliger Basis. Doch so erreicht man nur die, die sowieso schon problembewusst sind. Den Führerschein auf Lebenszeit halte ich allerdings für ein Auslaufmodell.

SZ: Welche Konsequenzen hat es für ältere Menschen, wenn sie die geliebte Lizenz nach vielen Jahrzehnten dann abgeben müssen?

Schlag: Sie müssen ihr Leben ganz massiv umstellen - das darf man nicht unterschätzen. Mit der dann fehlenden, aber über lange Zeit gewohnten Mobilität lassen oft auch die sozialen Kontakte nach. Autofahren im Alter kann ein soziales und damit gesundheitsförderndes Mittel sein. Es bleibt also die Frage, was die Gesellschaft im Ergebnis auf Dauer mehr belastet - autofahrende oder vereinsamte Senioren.

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(SZ vom 21./22. Oktober 2006)