Honda F6C Zwischen Gigantomanie und Kunstwerk

Der Cruiser beeindruckt durch seinen Sechszylindermotor, der auch mit gutem Klang überrascht

(SZ vom 25.07.1998) Der Markt der zum gemütlichen Dahinfahren einladenden Cruiser wächst rasend schnell: Die Harleys der Softail-Reihe gaben die Richtung vor, und die meisten japanischen Hersteller überbieten sich im Anfertigen von Kopien. Allein BMW interpretiert in Form der R 1200 C die Thematik des Cruising nach landläufiger Meinung eigenständig. Nur BMW? Nicht ganz. Denn auch Honda hat - neben seinen Harley-Nachbauten mit 1100 Kubikzentimeter-V2-Motor - einen Cruiser im Programm, den weltweit kein anderer Hersteller besitzt. Das Modell heißt mit vollem Namen Flat Six Custom und verrät , daß es sich beim Motor dieses Custom-Motorrads um einen Sechszylinder-Boxermotor handelt. Die F6C - Gigantomanie oder Kunstwerk?

Der aus einem Chrom-Tauchbad herausgefischte Motor prägt die F6C: glänzend, breit und wegen des enormen Hubraums von 1,5 Litern und seiner sechs Vergaser unübersehbar. Ein Schmuckstück - aber nicht für jeden Geschmack. Denn zum Prinzip der Cruiser gehört auch ein gewisser Purismus. Genau diesen Vorgaben folgt die Honda F6C nicht, besitzt sie mit ihren sechs Zylindern doch exakt vier Einheiten mehr als die reine Lehre es zuläßt. Und auch das zweite Cruiser-Prinzip der Seelenmassage durch gut spürbare Vibrationen läßt die 334 Kilogramm schwere Honda außer acht: Der Motor arbeitet so vibrationsfrei wie eine Gasturbine.

Hat Honda bei seinem Giganten-Cruiser also das Thema verfehlt? Keineswegs. Denn der Sechszylinder-Boxermotor gibt sich dank einer geradezu genialen Sound-Charakteristik als Mischung zwischen einer Wolfsmeute und einem Lämmchen. Im Leerlauf brabbelt der Sechszylinder wie ein alter V8-Chevrolet, mit steigender Drehzahl tritt das den alten 911ern eigene Krächzen in den Vordergrund.

Ebenso sticht die Leistungscharakteristik heraus: Selbst aus Drehzahlen von weniger als 800 Touren zieht der Boxermotor ruckfrei durch, und nicht einmal im obersten Drehzahlbereich von 6500/min wirkt er zäh. Dort fallen 72 kW (98 PS) an, und die sind außer für eine Beschleunigung von weniger als vier Sekunden auf Tempo 100 auch für ein Spitzentempo von 200 km/h gut.

Was bewirken solche Kräfte in einem Cruiser-Fahrwerk? Erstaunlicherweise nur Positives: Die aufwendige upside-down-Gabel vorne arbeitet perfekt, und auch die zwei konventionellen Federbeine am Heck sorgen für einwandfreie Kontrolle des Kolosses. Die Bremsanlage ist dem vollbeladen mehr als eine halbe Tonne wiegenden Gefährt gewachsen, könnte aber mit Hilfe des Honda-eigenen Kombi-Bremssystems noch aufgewertet werden. Auch ein ABS wäre kein Nachteil. Gute Noten bekommt das Fahrwerk aber nicht nur dank Komfort und Stabilität: Kompliment, daß es Honda gelungen ist, diesem Dampfer ein spielerisches Handling anzuerziehen.

Nichts zu meckern gibt es auch bei der Sitzposition für Fahrer wie Sozius: reichlich Platz, guter Komfort. Und auch die Ausstattung sowohl im funktionellen (Getriebe, Licht, Spiegel, Hebel, Instrumente, Gepäckträger) wie im Show-Bereich (Chrom, Sissy-Bar) ist in Ordnung. 26 620 Mark kostet eine F6C in Deutschland. Sie ist kein Cruiser im strengen Sinne, aber ein Motorrad mit unvergleichlicher Ausstrahlung und hohen funktionalen Qualitäten. Da ist Musik drin. Nur eines ist schade: daß ein geregelter Katalysator nicht lieferbar ist.

Von Ulf Böhringer