Von Thomas Wirth

In Dieppe feierte ein Dutzend Grand-Prix-Wagen das 100. Jubiläum eines Motorsport-Klassikers.

Nach Dieppe fahren sie an Wochenenden gerne, die Pariser. Die kleine Hafenstadt in der Normandie gilt als beliebte Sommerfrische. Das war schon vor 100 Jahren so, besonders an jenem 7. Juli 1908. Mit 300.000 Besuchern hatte man gerechnet, berichten die Chroniken. Es kamen weitaus mehr. Das Ziel der Massen war der Grand Prix, den der Automobile Club de France ausgelobt hatte. Es war der einzige der Rennsaison 1908. In zahllosen Sonderzügen rollten sie an, bestiegen die eigens hochgezogenen Tribünen. Und schlaue Bauern, die Felder entlang der Strecke besaßen, verlangten von den Schaulustigen einen kräftigen Obolus.

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Zeit-Reise: Zur Erinnerung an den legendären Grand Prix 1908 trafen sich in Dieppe Rennwagen von damals und ihre Besitzer - zum Beispiel ein S.C.A.T (© Foto: von Sternenfels)

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Christian Lautenschlager hieß am Ende der Sieger des Rennens, das über eine Distanz von heute unglaublichen 770 Kilometer ging. Zehn Runden fuhren die 48 Teams, die jeweils aus Fahrer und Mechaniker bestanden, über öffentliche Straßen. Die waren zwar abgesperrt, befanden sich aber in miserablem Zustand. Tiefe Furchen zogen sich durch die Kurven, Schlagloch reihte sich an Schlagloch, dazwischen lauerten Bodenwellen - ein Martyrium für Mensch und Maschine. In der fünften Runde übernahm Mercedes-Werksfahrer Lautenschlager die Führung. Und er behielt sie, bis er nach exakt sechs Stunden, 55 Minuten und 43,8 Sekunden die Ziellinie passierte.

Allein 22 Reifen hatte sein Mercedes verschlissen. Und ein Stein hatte das Glas seiner Rennbrille durchschlagen: "Die Scherben tanzten mir nun innerhalb der Brille vor dem Auge auf und ab", berichtete der damals 31-Jährige, der bei Daimler als Meister der Fahrabteilung arbeitete. Als einer der ersten großen Rennfahrer-Persönlichkeiten verewigte er sich in der Geschichte des Motorsports. Weniger Glück hatte der Franzose Victor Hémery. Es war in Runde sieben, als sein Brillenglas ebenfalls von einem Stein durchschlagen wurde. Doch ihn verletzten die Scherben am Auge, ein Arzt musste ihn an den Boxen behandeln. So verlor der Franzose, auf Benz 120 PS unterwegs, wertvolle Zeit. Für den zweiten Platz, mit 8:40 Minuten Rückstand auf Lautenschlager, sollte es dennoch reichen.

Nicht ganz so erfolgreich war dagegen Fritz von Opel auf Opel, der weit über zwei Stunden länger unterwegs war und auf Platz 21 fuhr. Auch Vincenzo Lancia startete in Dieppe. Doch schon in Runde eins jedoch fiel er mit seinem Fiat aus - Motorschaden. Und es gab zwei Tote zu beklagen, die ersten der Grand-Prix-Geschichte: Nach einem Reifenschaden überschlug sich in Runde acht der Panhard-Levassor von Henri Cissac. Der Pilot kam mit seinem Mechaniker Schaube dabei ums Leben.

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