So viel Platz wie nötig für den fließenden, aber auch für den ruhenden Verkehr - welch ein wunderbares Wort, das zum Ausdruck bringt, dass Autos nun mal ihre Schlafplätze haben müssen. Auf diese Weise erwarb der Käufer eines Automobils mit dem Erwerb des Wagens quasi einen Anspruch auf öffentlichen (Park-)Raum. Dafür wurde es nun eng für andere, zum Beispiel auf den schmalen Verkehrsinseln, auf den engen Straßenbahnhaltestellen, auf denen ein Rempler genügte, um einen der Wartenden vor ein heranrollendes Fahrzeug zu bugsieren.

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Verkehrsberuhigung mit schlechtem Ruf

Die Gegenbewegung fand statt. Leider hat sich manches von dem, was vor zwei Dutzend Jahren unter dem Stichwort "Verkehrsberuhigung" ablief, selbst diskreditiert: Straßenschwellen, die den Anwohnern zusätzlichen Lärm brachten; geradezu künstlerisch gestaltete Windungen der Fahrbahn, die den Gemeinden einen Batzen Geld abpressten. Das Ganze war auch ein tolles Programm für die Tiefbau-Branche. Natürlich wäre es wesentlich billiger gewesen, an den Ortseingängen ein paar Lkw-Reifen zu platzieren, aber so etwas kann man den Leuten hierzulande einfach nicht zumuten. Verkehrsberuhigung hat bis heute einen schlechten Ruf, außer auf dem letzten Stück vor der eigenen Wohnung, wo sich auch die eigenen Kinder aufhalten könnten.

Deshalb glaubt ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung an Märchen. Eines dieser Märchen handelt davon, dass ein langsamer fahrendes Auto zwangsläufig lauter ist und mehr Sprit verbraucht als ein schnelleres. Mittlerweile staunt der deutsche Tourist in Frankreich und Italien darüber, wie sich dort Kreisverkehre und Aufpflasterungen aneinanderreihen. Der nächste Schritt wäre das niederländische Modell: In reinen Wohnstraßen, die kaum nennenswerten Durchgangsverkehr haben, herrscht absolute Gleichberechtigung. Fußgänger, Radfahrer und Automobilisten sind räumlich nicht mehr voneinander getrennt. Was auf den ersten Blick unsicher wirkt, ist in Wahrheit besonders sicher, weil keiner auf Priorität pochen kann und jeder auf jeden Rücksicht nehmen muss.

Keine vernünftige Form der Mobilität

Es ist ein schöner Traum, einer, in dem für Rechthaber kein Platz mehr ist. Die Realität in den Städten sieht anders aus. Zu Recht ist Freude über die seit Jahren sinkenden Unfallzahlen, auch die der Kinder. Dabei gerät aber aus dem Blickfeld, welche Einschränkungen im persönlichen Umfeld die ebenso stetig wachsende Zahl der Automobile mit sich bringt. Ein recht übliches Bild vor einer städtischen Grundschule sieht so aus, dass die Kleinen kolonnenweise von abwechselnd aus der Elternschaft rekrutiertem Personal herangeführt werden. An der Schule warten dann schon die Schülerlotsen, die strikt darüber wachen, dass ja kein Auto den Weg der Kinder kreuzt.

Wer das normal findet, muss älteren Leuten erklären, warum es für sie keine speziellen Lotsen gibt. Oder ihnen empfehlen, zur Sicherheit lieber das Auto zu benützen. Nein, es ist zwar schlichte Normalität geworden, aber deshalb noch lange keine vernünftige Form der Mobilität. Dass Büromenschen täglich zwischen der Tiefgarage ihres Wohnhauses und der Tiefgarage ihrer Firma hin- und herpendeln und sich abends im Wohnzimmer auf einem Standfahrrad abarbeiten, sei ihnen unbenommen, hat aber auch etwas Bizarres. Daran wird sich nichts ändern, wenn es in den Städten nicht gelingt, den Alltagsradlern mehr Raum zu geben. Und dieser Raum kann, nach Lage der Dinge, nur auf Kosten des Autoverkehrs gehen. Taxifahrer, Rettungsdienste, Polizisten, Spediteure, Lieferanten, Handwerker und Schwerbehinderte können nur darüber froh sein, dass sie - mit Ausnahmegenehmigungen ausgestattet - von den Einschränkungen anderer Autofahrer profitieren und endlich zügig vorankommen.

Nichts Radikaleres

Und, was leicht vergessen wird: Ältere Menschen sind vielfach noch rüstig genug, um mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, wenn ihnen der Verkehrsraum nur den Platz dazu ließe; schwere Lasten nähme ihnen dann der Gepäckträger ab. Wem dies radikal erscheint, der möge sich vergegenwärtigen, dass es nichts Radikaleres gibt als das, was in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat: die automobilgerechte Umrüstung der Städte. Wer die Zukunft der Mobilität im Auge hat, darf sie nicht nur am Tachometer ablesen.

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(SZ vom 16.08.2008/jw)