Funduros und Enduros im Vergleich Vielseitige Gefährten

Der MuZ Baghira aus Zschopau gelingt der Überraschungssieg

(SZ vom 13.05.1998) Für unternehmungslustige Motorradfahrer stellen Enduro- oder auch die noch mehr in Richtung Straßeneignung entwickelten Funduro-Modelle ideale Reise-Fahrzeuge dar, besitzen sie doch sowohl auf befestigten wie unbefestigten Straßen gute Qualitäten. Wie sehr sich Enduros von Funduros unterscheiden und welche Schlüsse daraus für die Praxis zu ziehen sind, ist Gegenstand des Vergleichs von drei Neuerscheinungen und zwei bewährten Modellen.

Die Honda Transalp darf getrost als Stammvater aller Funduros bezeichnet werden, auch wenn es diesen Begriff bei ihrer Präsentation 1986 noch gar nicht gab: Der 600 cm3 große, wassergekühlte V2-Zylindermotor ist ebenso kultiviert wie das einfach konstruierte, aber gut abgestimmte Fahrwerk. Dank Drehfreudigkeit und breitem Leistungsband des Triebwerks reichen die 37 kW (50 PS) auch für Reisen in gebirgigen Gegenden.

Fahrspaß auch zu zweit

Weitaus jünger und trendiger ist die BMW F 650, mit deren Erscheinen die Bezeichnung Funduro geprägt worden ist. Sie besitzt einen wassergekühlten, 650 cm3 großen Einyzlindermotor, ist etwas leichter als die Honda und verfügt über das agilere Fahrwerk. Der Motor überzeugt zwar durch seine Leistung von 35 kW (48 PS), ärgert aber durch etwas ruppigen Lauf im unteren Drehzahlbereich.

Beiden Motorrädern gemeinsam ist, daß sie beim Fahren auf gut ausgebauten Straßen gegenüber echten Enduros dank kleiner Verkleidungen im Vorteil sind: Anreise-Etappen fallen auch wegen der guten Sitze mit ihnen weitaus leichter. Solange die Straßen asphaltiert sind, bereiten sie in sehr kurvigem Terrain viel Fahrspaß - und zwar auch im Zweipersonenbetrieb. Werden die Wege schlechter, wird es auf der Honda trotz des geschmeidigeren Motors schneller ungemütlich als auf der BMW. Mit letztere fällt das Vorankommen auch dann noch relativ leicht, wenn das Geläuf ruppig wird.

Vorweggenommenes Fazit: Wer nur im Urlaub gelegentlich asphaltierte Straßen verläßt, ist mit einer Funduro wie der BMW F 650 oder der komfortableren Honda Transalp gut bedient, denn deren Grenzen abseits der Straßen liegen (bei guter Bereifung und trockenem Untergrund) erstaunlich weit oben. Auf den meisten, mit den echten Enduros gemeinsam gefahrenen Ausflügen auf Natursträßchen und Feldwegen konnten sie nicht nur gequält mithalten, sondern bereiteten dabei auch Fahrspaß.

Trotz rückläufiger Marktbedeutung des Enduro-Segments gab es einige Neuerscheinungen. Die Sachs ZX 125 gehört mit nur 125 Kubikzentimeter großem Einzylindermotor in die Leichtkraftradklasse und ist damit (in der 80 km/h-Version) schon für 16jährige zugelassen, in der offenen Variante mit elf kW (15 PS) auch für ältere Klasse-3-Besitzer erlaubt. Wegen ihres geringen Gewichtes von nur 118 Kilogramm und ihrer sinnvollen Konstruktion sowie ausgezeichneter Fahrwerkskomponenten läßt sich die kleine Sachs geradezu spielerisch handhaben. Der quirlige Zweitaktmotor ist selbst bei niedrigen Drehzahlen ausreichend kräftig und laufruhig.

Aus dem sächsischen Zschopau kommt die ungewöhnlich gestylte MuZ Baghira. Der kräftige, über einen breiten Drehzahlbereich perfekt zu dosierende Einzylinder-Viertaktmotor auf Yamaha-Basis (660 cm3, 37 kW/50 PS) in Verbindung mit einem exzellent abgestimmten Fahrwerk macht auf und abseits asphaltierter Straßen durchweg Freude. Noch nicht ganz im Griff scheint man jedoch die Verarbeitung zu haben: Die Testmaschine ärgerte durch Elektrik-Probleme.

Mit dem im vergangenen Jahr neu angebotenen und heuer bereits überarbeiteten Modell Adventure R (Cockpitverkleidung, riesiger Tank, 194 Kilogramm) will der österreichische Hersteller KTM so etwas wie die "eierlegende Wollmilchsau" im Enduro-Bereich schaffen: reisegeeignet einerseits, ein echter Racer im Offroad-Bereich andererseits.

Der Vergleich zeigt jedoch, daß das nicht gelingt. Denn die perfekten Fahrwerksqualitäten der 15 280 Mark kostenden KTM kommen nur bei schneller Fahrt zum Tragen; erfordert das Gelände langsameres Manövrieren, wirkt die Adventure kopflastig, träge und unhandlich. Das führt so weit, daß auf ruppigen, aber eben langsamen Strecken die leistungsschwache Sachs selbst bergauf keinen einzigen Meter auf die KTM verliert, während die MuZ Baghira unter solchen Verhältnissen federleicht davonzuschweben scheint. Überflüssigerweise ist der Sitzkomfort der KTM äußerst mäßig; auch die Wartungsfreundlichkeit könnte besser sein.

Teuer, aber gelungen

Eine positive Überraschung stellt dagegen vor allem die MuZ Baghira dar. Kommt es nicht auf Autobahn-Eignung und den Zweipersonenbetrieb an, ist sie das insgesamt am meisten überzeugende Fahrzeug: Motor, Bremsen und Handling erhalten on- und offroad prima Noten. Allerdings sollte die Verarbeitung optimiert werden, und auch ein Motorschutz wäre kein Luxus. Mit 10 750 Mark ist die Baghira selbst gegenüber der Fernost-Konkurrenz von Suzuki & Co preiswert. Ein Lob auch für die Sachs-Entwickler in Nürnberg: Die ZX ist mit fast 8000 Mark für eine 125er zwar teuer, aber dafür rundherum gelungen. Wer seine Fahrweise auf den hochdrehenden Motor einstellen kann, hat mit ihr unerwartet viel Freude. Das zeigt sich erst recht im direkten Vergleich mit den vergleichsweise dicken 600ern.

Von Ulf Böhringer