Das Auto, das den Escort beerbt, hat ein pfiffiges Design, ist aber keine technische Revolution
(SZ vom 08.08.1998) Er stand zwar jahrelang auf dem Siegertreppchen, aber zu mehr als dem dritten Platz hat es insgesamt nicht gereicht: Dem Ford Escort ist es nie gelungen, die Hierarchie der Kompaktklasse durcheinander zu wirbeln und - zumindest in Deutschland - den Platzhirschen VW Golf und Opel Kadett/Astra ernsthaft Paroli zu bieten. Als Beleg können die Zulassungszahlen für den Juni 1998 gelten: 27 600 Golf und 21 400 Astra stehen 9800 Escort gegenüber, für die ersten sechs Monate dieses Jahres sieht die Bilanz ähnlich aus: 144 000 Golf wurden zugelassen, 97 800 Astra, und mit 51 200 bleibt der Escort wieder nur Dritter.
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Dabei ist der Escort, weltweit gesehen, ein äußerst erfolgreiches Auto, das mehr als 20 Millionen Mal verkauft werden konnte, und damit ist er der meistverkaufte Pkw in der Geschichte von Ford. In Deutschland haftet ihm das Image an, altbacken zu wirken und etwas betulich zu sein - ob das nun stimmt oder nicht.
Hoffnungsträger mit großem Namen
Auf jeden Fall ist es keine leichte Aufgabe, in der hart umkämpften Kompaktklasse zu reüssieren - das mußten schon einige Hersteller leidvoll erfahren. Aber wenn ein so großer Hersteller wie Ford ein neues Auto auf den Markt schickt, das in zweieinhalb Jahren den Escort beerben wird, dann ist dieses Auto zum Erfolg verurteilt. Dabei hatte der Focus, so der Name des Hoffnungsträgers, in Deutschland schon einen kurzen Ausrutscher zu überstehen, als eine gleichnamige Münchner Nachrichtenillustrierte befand, ein Auto dürfe sich nicht im Glanz des Politmagazins sonnen. Dieser Streit wurde dann durch die Zahlung von einer Million Mark an eine gemeinnützige Organisation aus der Welt geschafft.
Nun darf der Focus denn auch Focus heißen, wenn er am 29. Oktober sein Debüt bei den deutschen Ford-Händlern gibt. Er wird nicht, wie es zunächst hieß, den Escort ablösen - denn dieser wird bis zum Ende des Jahres 2000 weiterproduziert. Erst dann wird der Focus der legitime Erbe des ewigen Dritten sein. Schon heute setzt Ford aber große Hoffnungen in den Focus: Auf einer neuen Plattform aufgebaut, soll er seinen Mitbewerbern "in punkto Design, Ausstattung, Fahrdynamik, Komfort, Kraftstoffverbrauch und Unterhaltskosten einen Schritt voraus sein", wie es bei Ford heißt.
Bei einer ersten technischen Begegnung mit dem Neuen stellte sich der Eindruck ein, daß Ford bei der Entwicklung des Focus irgendwie vor dem Ziel stehengeblieben ist: Das Design ist ein mutiger Schritt nach vorne, es entwickelt die vom Ka bekannte New-Edge-Philosophie - salopp gesagt, eine wilde Mischung aus Rundungen, Ecken und Kanten - weiter. Aber unter dem Blechkleid, das 1,5 Zentimeter länger als beim Escort ist, haben sich die Ingenieure wohl nicht oft genug gegen die Kostenoptimierer durchsetzen können - es scheint, als habe man alles Nötige, aber nicht das Mögliche getan, um ein rundum innovatives Auto zu konstruieren. Beispiele: kein Common-Rail-Diesel, Turbolader ohne variable Schaufeln, Zweiventil-Technik beim Diesel.
Deutliche Fortschritte sind bei der Optik zu konstatieren: Der Focus wirkt ungemein dynamisch und sportlich, er wird aber durch die gezielte Mischung aus Rundungen (etwa bei den Radkästen) und harten Linien (beispielsweise bei den Scheinwerfern) nicht jedem gefallen. Im Innenraum geht es aufgeräumt und sachlich-funktionell zu. Bei einem direkten Sitzvergleich mit dem Golf IV ergab sich - subjektiv - ein zwiespältiges Bild. Auf den Vordersitzen bietet der Wolfsburger deutlich mehr Platz, während der Kölner etwas mehr Kniefreiheit im Fond gewährt.
Zuerst kommen Drei-und Fünftürer
Zum Verkaufsstart im Herbst wird der Focus zunächst als Drei- und Fünftürer zu haben sein, die Karosserievarianten Stufenheck und Turnier, wie der Kombi bei Ford heißt, folgen erst im Januar 99. Fünf Motoren stehen zur Auswahl.
1. 4i: 1,4-Liter-Vierzylindermotor, 55 kW (75 PS) Leistung, Höchstgeschwindigkeit 171 km/h, Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 14,6 Sekunden, Durchschnittsverbrauch 6,5 Liter auf 100 Kilometer.
1. 6i: 1,6-Liter-Vierzylindermotor, 74 kW (100 PS) Leistung, Höchstgeschwindigkeit 180 km/h, Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 11,3 Sekunden, Durchschnittsverbrauch 7,0 Liter auf 100 Kilometer.
1. 8i: 1,8-Liter-Vierzylindermotor, 85 kW (115 PS) Leistung, Höchstgeschwindigkeit 198 km/h, Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 10,7 Sekunden, Durchschnittsverbrauch 7,5 Liter auf 100 Kilometer.
2. 0i: 2,0-Liter-Vierzylindermotor, 96 kW (130 PS) Leistung, Höchstgeschwindigkeit 201 km/h, Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 9,6 Sekunden, Durchschnittsverbrauch 8,7 Liter auf 100 Kilometer.
1. 8 Diesel: 1,8-Liter-Vierzylinder-Turbodieselmotor mit Direkteinspritztechnik, 66 kW (90 PS) Leistung, Höchstgeschwindigkeit 184 km/h, Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 12,9 Sekunden, Durchschnittsverbrauch 5,1 Liter auf 100 Kilometer.
Darüber, wie sich die einzelnen Varianten fahren, wird die SZ Anfang September berichten.
Reparaturfreundliche Scheinwerfer
Deutlich gewonnen hat der Focus bei den Unterhaltskosten. Ford will ausgerechnet haben, daß die Reparaturkosten für die häufigsten Verschleißteile wie Bremsen, Kupplung, Auspuff und Stoßdämpfer im Vergleich zum Hauptkonkurrenten um 16 Prozent günstiger sind. Außerdem haben sich die Ingenieure pfiffige Detaillösungen ausgedacht: Bei einer kleinen Karambolage mußte bisher häufig der gesamte Frontscheinwerfer ausgetauscht werden, obwohl er eigentlich noch in Ordnung war. Beim Focus genügt es, ein oder zwei Befestigungslaschen auszuwechseln. Weiteres Detail: Das Dämmaterial der Motorhaube wird aus dem Stoff alter Jeans hergestellt.
Zu den Preisen des Focus ist noch nichts bekannt. Man munkelt, daß sie in etwa auf Escort-Niveau liegen sollen - die Preise für den Oldie könnten dann gesenkt werden. Denn zweifellos ist der Focus "viel mehr Auto" als sein Vorgänger.
Von Otto Fritscher