Falsche Zahlen bei der Leserwahl Manipulation beim Gelben Engel?

Gelber Riese: die ADAC-Zentrale in München.

Hat der ADAC bei der Publikumswahl zum Gelben Engel die Zahlen frisiert? Die "Süddeutsche Zeitung" zeigt an zwei Beispielen, warum diese These durchaus wahrscheinlich ist.

Von Bastian Obermayer und Uwe Ritzer

Der ADAC ist in einer ungewohnten Situation: Normalerweise ist der Verein derjenige, der anderen Schummeleien vorwirft. Sei es beim Tachostand, bei Reparaturarbeiten oder bei zweifelhaften Autokaufangeboten im Internet. Nun aber stehen der ADAC und sein Autopreis "Gelber Engel" im Zwielicht, genauer gesagt: dessen wichtigste Kategorie, der Publikumspreis. ADAC-interne Dokumente, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, deuten darauf hin, dass die veröffentlichten Teilnehmerzahlen nach oben korrigiert wurden. Anders gesagt: Frei erfunden.

Ab wie vielen Teilnehmern ist eine große Publikumsabstimmung etwas wert? Eine Million? Hunderttausend? Zehntausend? Es kommt darauf an, wie man sie verkauft. Der ADAC verkauft die Leserabstimmung zum "Gelben Engel" in der Kategorie Lieblingsauto so: "Deutschland kürt sein Lieblingsauto", und er schreibt auch gleich noch dazu, wer alles eingeladen ist abzustimmen: Alle 18,8 Millionen ADAC-Mitglieder. Damit hängt die Latte ziemlich hoch. Wenn "Deutschland" wählt, darf die Abstimmungsquote nicht nach Buxtehude aussehen. Vor allem nicht, wenn man, wie der ADAC, ankündigt, dass die Auszeichnung "die Meinung Hunderttausender potenzieller Autokäufer" widerspiegelt.

Weniger Resonanz als erhofft

Aber was, wenn beim "wichtigsten und größten Autopreis Deutschlands" viel weniger Menschen mitmachen als erhofft? Dann hat der Ausrichter, also der ADAC, ein Problem. Die Recherchen der Süddeutschen Zeitung deuten darauf hin, dass der ADAC mindestens in den beiden letzten Abstimmungen vor diesem Problem stand - und es auf wenig elegante Weise löste: durch erfundene Zahlen. Das legen ADAC-interne Dokumente nahe, die der SZ vorliegen. Die offizielle Stimmzahl wird vom ADAC verschiedentlich mit 290.000 angegeben, die Wortwahl: 290.000 Leser.

ADAC Liste

Mittlerweile lässt der ADAC über dpa erklären. "Wie viele Leser der ADAC Motorwelt sich an der Beliebtheitsabstimmung beteiligten, gebe man jedoch seit jeher nicht bekannt." Das hat inzwischen auch der ADAC selbst festgestellt. Auch in der Sonderausgabe der ADAC-Motorwelt zum "Gelben Engel 2013" steht die Zahl 290.000, wie im Bild oben zu erkennen ist. "Fakt ist, dass wir in den vergangenen Jahren die genauen Ergebnisse der Leserwahl sporadisch veröffentlicht haben", teilte ADAC-Sprecher Christian Garrels mit. "Einen Automatismus oder gar eine wie auch immer geratete Verpflichtung gibt es hier nicht."

In Wahrheit lag die Zahl der gültigen Stimmen bei der Abstimmung für 2013 aber wohl bei etwa 76.000. Wo die anderen immerhin 214.000 Stimmen herkommen? Der ADAC kann oder will es nicht erklären. In seinem Statement schreibt Michael Ramstetter, Pressechef des ADAC und Verantwortlicher der Wahl zum "Lieblingsauto der Deutschen": Der ADAC habe durch mehrere Teams an verschiedenen Orten auswerten lassen, "interne und externe Quellen wurden benutzt, um zu validen Ergebnissen zu kommen".

Fehler in der Addition

Nach SZ-Informationen läuft es nicht ganz so komplex ab: Gewählt werden kann auf zwei Arten. Zum einen via Internet, über die Homepage des ADAC, zum anderen über Briefwahl - dafür schneidet man einen Wahlcoupon aus der ADAC-Zeitschrift Motorwelt aus. Die Internetabstimmung wird in München ausgewertet, die Coupons werden in der ADAC-Technikstelle in Landsberg am Lech ausgezählt. Beide Abteilungen haben am Ende jeweils ein Endergebnis, das, so berichten es Quellen der SZ, direkt an Michael Ramstetter geht. Rechnet man die Ergebnisse dieser beiden Abstimmungen zusammen, hat man das Endergebnis.

Ein ADAC-Sprecher sagt, es habe bei der Wahl zum "Lieblingsauto der Deutschen 2013" viele Betrugsversuche geben, diese Stimmen seien aussortiert worden. Dies ist richtig - und hat nichts mit den Vorwürfen der SZ zu tun. Die nach SZ-Informationen rund 70.000 aussortierten Stimmen wurden ja als ungültig gewertet, weil sie eindeutig computergeneriert waren. Warum sollte man sie also mitzählen? Und selbst wenn man sie mitzählen würde: Es würden noch immer rund 140.000 Stimmen fehlen. Die Wahrheit ist wohl eher: Man hat keine Erklärung.

Das Beispiel 2014

Am Beispiel des "Lieblingsautos der Deutschen 2014" lässt sich ziemlich gut erklären, wie die Sache liegt. Gerade eben hat der ADAC bekannt gegeben, dass der VW Golf zum neuen "Lieblingsauto der Deutschen" gewählt wurde. Offiziell gibt der ADAC allerdings keine Zahlen dazu heraus, also eine Aufschlüsselung, wie viele Stimmen der Erstplatzierte, der Zweitplatzierte und so weiter bekommen hätten. Im Vorjahr war das noch anders: In der Sonderausgabe der ADAC-Motorwelt zum "Gelben Engel 2013" ist auf Seite zwölf eine kleine Tabelle zu finden. Auch diese Zahlen sind nach SZ-Informationen aber falsch.

Zurück zum "Gelben Engel 2014": Aus einem ADAC-internen Dokument geht hervor, welche Zahl man zur Veröffentlichung vorgesehen hatte. Nämlich diese: 34.299. So viele Personen sollen für den Golf abgestimmt haben. Die Reihenfolge der eben bekanntgegebenen Gewinner entspricht dem ADAC-Statement, nur ist die Rangliste in dem internen Dokument vom Dezember 2012 mit Stimmen versehen. Die lapidare Auflistung Auto-neben-Stimmanzahl entspricht der Darstellung aus der Motorwelt im Vorjahr.

Der SZ liegen nun zwei Tabellen vor, die wohl das tatsächliche Ergebnis zeigen. Das Ergebnis der Couponauszählung, wie es nach SZ-Informationen an Michael Ramstetter ging, zeigt für den Golf 1617 Stimmen, die Onlineauswertung 1792 Stimmen. Macht addiert: 3409. Also ziemlich genau ein Zehntel der Zahl, die ursprünglich - bevor die Süddeutsche Zeitung ihre Recherchen veröffentlichte - zur Publikation vorgesehen war.

Eine ausführliche Reportage zu dem Thema lesen Sie in der heutigen Ausgabe der SZ vom 14. Januar 2014 auf der Seite Drei.