Fahrradfahren in New York Himmel und Hölle im Häusermeer

Radfahren wird in New York immer beliebter

(Foto: AFP)

Wenn New York zum Backofen wird, ist frischer Fahrtwind genau das Richtige. Radeln wird cool in der Stadt mit acht Millionen Autos - und immer sicherer.

Von Christa Eder

Die Sonne brennt. Kein Lüftchen ist zu spüren. Schon morgens um halb zehn hat es 30 Grad Celsius, gefühlt sind es 40. Die Hochhausschluchten von Manhattan potenzieren die Hitze. Für New York sind das knackige Temperaturen. Aber egal - die Radtour nach Brooklyn ist beschlossen. Von "Zen Bikes" in der 24. Straße, dem angeblich besten Fahrradladen in Chelsea, geht es auf leichtgewichtigen Rädern in Richtung East River.

Die erste Mutprobe ist gleich am Anfang zu bestehen. Die 24. Straße hat keinen Fahrradweg und es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zwischen die Stoßstangen der Autos und Taxis zu zwängen. Das geht überraschend gut, vorausgesetzt man fügt sich in den Verkehrsfluss ein. Soll heißen: deutlich Zeichen geben und bloß nicht zaudern. New Yorks Autofahrer scheinen wesentlich relaxter und rücksichtsvoller zu sein, außerdem fahren sie deutlich langsamer als beispielsweise die leicht aggressiven Münchner.

Auch schrilles, genervtes Gehupe oder gar Unflätigkeiten durch heruntergedrehte Fenster kennt man dort eher nicht. Es wird zwei Mal kurz gehupt und gewinkt, um sich sichtbar zu machen und nicht, um seinen Unmut loszuwerden. Nach wenigen Minuten ist die East River Esplanade erreicht. Durchatmen. Frische Luft und ein luxuriös breiter Fahrradweg, direkt am Ufer.

Schick, nachhaltig und cool

Radfahren in New York galt noch vor wenigen Jahren als ein Unterfangen für Lebensmüde. Jetzt ist es schick, nachhaltig und cool, zwischen Wolkenkratzern durch die Metropole zu rollen. In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der Radler auf etwa 60 Prozent angestiegen - bemerkenswert für eine eher weniger fahrradaffine Nation. Etwa eine halbe Million New Yorker, vom Wallstreet-Banker bis zum Althippie, sind inzwischen auf's Bike umgestiegen.

Dieser Boom ist nicht zuletzt Bürgermeister Michael Bloomberg zu verdanken, der in den vergangenen Jahren etwa 500 Kilometer neue Fahrradwege hat anlegen lassen, sodass New York heute mit einem Gesamtradnetz von knapp 1200 Kilometer aufwarten kann. In Bälde dürfte sich die Anzahl der radelnden New Yorker noch einmal erhöhen, denn Bloomberg will noch mehr Menschen auf dem Rad sehen. Seit Ende Mai ist das erste öffentliche Megaverleihsystem New Yorks (gesponsert von einer US-Bank) an den Start gegangen. In Manhattan, Queens und Brooklyn stehen rund 6000 blaue "Citi Bikes" an 330 Stationen zur Verfügung, bis Ende des Jahres sollen es 600 Stationen und 10.000 Räder werden.

Die Resonanz ist beachtlich. Bereits nach einem Monat legten die Citi Bikes knapp eine Million Kilometer in der Stadt zurück. Die Leihgebühr ist mit 9,95 Dollar für 24 Stunden und 25 Dollar für sieben Tage (jeweils plus Steuern) geradezu spottbillig. Allerdings muss man eine Kaution von etwa 100 Dollar hinterlegen. Bei privaten Verleihern kostet die Miete etwa das Dreifache. Zwar bekommt man kostenlos einen Plan und Helm dazu, aber kein Schloss, sodass man das Rad keine Minute aus den Augen lassen darf. Die Citi Bikes hingegen, kann man an einer der nächsten Dockstationen anschließen , weiß aber nicht, ob danach wieder ein Rad an derselben Stelle zur Verfügung steht.

Pufferzonen für Fahrradfahrer

Wer über die Williamsbridge nach Brooklyn will, sollte rechtzeitig abbiegen und sich einfädeln, zum Beispiel über die achtspurige Delancey Street in der Bowery, Lower East Side. Früher war die Delancey Street die gefürchtetste Straße mit den meisten tödlichen Unfällen. Inzwischen hat auch diese Straße einen grünen, breiten "Protected Bike Path" mit Pufferzone zwischen den Autos und Fußgängerzonen. Es gibt übrigens verschiedene Kategorien von Radwegen. Die zweite Klasse sind die sogenannten "Bicycle Lanes", markierte Radwege ohne Pufferzone und die etwas unsichereren "Shared Lanes" muss man sich mit den Autofahrern teilen. Wer Großstadtverkehr nicht gewöhnt ist, sollte sich erst einmal an die "Protected Paths" halten oder eine geführte Tour buchen.

New York ist übersichtlich und abgesehen von einigen Stellen, wie den Brücken, den Brooklyn Heights oder Nord Manhattan, angenehm flach. Das Radwegenetz ist übersichtlich und gut erschlossen. Selbst Time Square, Broadway und andere Avenues haben inzwischen eine Fahrradspur, sodass man relativ problemlos von Ort zu Ort kommt. Und das einigermaßen sicher. Das sagt zumindest die Unfallstatistik. Obwohl deutlich mehr New Yorker radeln, ist die Anzahl der Fahrradunfälle erfreulich konstant geblieben.