Fahrradfahren im Winter Andere Neuronenareale als im Büro

Treten, atmen, zuschauen, entspannen, nachdenken. Geht nirgends so gut wie auf dem Rad. Die besten Ideen für Texte, die schönsten Formulierungen, ach Mensch, und ich könnte doch die zwei Absätze vertauschen - fällt mir alles auf dem Rad ein, auf dem Weg zur Arbeit oder dann abends beim Heimradeln. Müsste mal einen Neurologen fragen, wie diese gleichmäßige Kurbelbewegung der Beine mit all dem zerebralen Zeug zusammenhängt, jedenfalls: is' so, da werden anscheinend andere Neuronenareale durchlüftet als im Büro.

Gut. Stimmt. Ist bisher alles sehr subjektiv hier. Wollen Sie lieber wissenschaftliche Studien? Bitte sehr: 60 Prozent aller Radler empfinden beim Fahren Freude. Von den Autofahrern nur ein Drittel. Sagt die Uni Utrecht. Der normale Büromensch legt ohne Freizeitaktivitäten nur noch 400 bis 700 Meter am Tag zu Fuß zurück. Haben amerikanische Wissenschaftler rausgefunden. Norwegische Forscher drückten lauter Leuten, die bis dahin sehr faul gewesen waren, jeweils ein Rad in die Hand und beobachteten dann über einen längeren Zeitraum deren Blutwerte, Arztbesuche, die Fehltage. Siehe da, 30 Minuten Radfahren täglich sparten im Schnitt jährlich 3000 bis 4000 Euro an Gesundheitskosten ein. Und das niederländische Gesundheitsministerium kam zu einem ähnlichen Ergebnis, als es mal die Fehltage von Arbeitnehmern mit den Verkehrsmitteln verglich, mit denen sie jeweils in die Arbeit kommen, wenn sie gerade nicht fehlen. Siehe da, Fahrradfahrer sind am seltensten krank.

Treten, atmen, schalten: Von der Ludwigsbrücke an geht es bergauf, hinterm Gasteig die Preysingstraße hoch, im Frühjahr durch blühende Mandelbäume. Gasteig kommt von "gacher" (steiler) Steig. Die Autos merken das nicht, für mich ist es jeden Morgen die Steigung, die sich einen Kilometer, bis zum Ende der Kirchenstraße zieht. Nur Radfahrer kennen die geologische Beschaffenheit ihrer Stadt: das konstante Gefälle Richtung Norden, Freising, Donau. Der steile Gebsattelberg. Die majestätische Auffahrt am Maximilianeum. Und auch das Wetter kriegt man besser mit als die Anderen. Im April ist die Kirchenstraße manchmal echt gefährlich: unten an der Isar laue zwei Grad, hier oben in der schattigen Kurve ist es spiegelglatt.

Treten, atmen, noch mal schalten, aber jetzt endlich mal richtig rein in die Pedale und wenigstens kurz, für einen Absatz, ganz in die andere Richtung: Im Frühjahr kommt am Wochenende das Rennrad aus dem Keller, die ersten Fahrten in Richtung Berge. Erst mal durchs öde Gestängel des Perlacher Forsts, aber die Lunge breitet schon mal ihre Flügel aus. Immer wieder großartig, wenn sich irgendwo hinterm Speckgürtel plötzlich der Horizont weitet, und dann stehen da die Alpen, majestätisch, stumm, erhaben. Die Stare kommen wieder und bilden auf den Telefonleitungen eine Partitur, die keiner lesen kann. Und Bayerns Seen funkeln vor sich hin.

Mit dem Auto war immer irgendwo Stau

Aber jetzt wieder zurück an die Arbeit: Treten, atmen, Ampel. Ein paar Mal bin ich auch in den Autos von Kollegen mitgefahren. Kann sein, dass es Zufall war, aber eigentlich war immer irgendwo Stau. Im Auto werde ich da sofort nervös. Liegt sicher an mir, ich denke eh immer, dass ich nicht genug in das bisschen Tageszeit hineingestopft bekomme. Das Radfahren aber habe ich noch nie als verlorene Zeit empfunden. Es ist eigentlich immer einwandfreie Quality-Time. Selbst bei Regen. Gerade weil man in dieser Zeit nix anderes machen kann als eben treten, atmen, treten.

Wo wir gerade bei den Autos sind: Ich sag' jetzt nicht, wie sinnlos das alles ist, eine Tonne Blech, um 75 Kilo Fleisch zu bewegen und so weiter. Ich hab' da nur mal eine Frage. Laut Forschungen irgendwelcher obskurer Trendbüros taugt das Auto angeblich nicht mehr als Statussymbol. Wer solcherlei behauptet, ist noch nie durch München geradelt. All die Cayenne- Panzer in ihrer klobigen Hässlichkeit. Wenn das kein Statussymbol ist, was denn dann? Brauchen die Leute solche Dinger etwa für Sommerurlaub in Bagdad und Somalia?

Treten, atmen, reagieren. Radfahren ist wie guter Jazz, viel Improvisation, schlanke Soli, Tempowechsel. Und das Rad ist das einzige Vielspurgerät: Fußweg, Radweg, Straße, wird alles bedient. Darum, bevor's jetzt anfängt mit der Hässlichkeit, dem urbanen Häusergerümpel hinterm Mittleren Ring, noch mal ein scharfer U-Turn und ganz kurz zurück an die Isar. In den Sommer! Das Isarflimmern. Manchmal halte ich spätnachmittags, nach der Arbeit, auf der Ludwigsbrücke und trinke im Strandcafé ein Becks. Oder ich springe unterhalb der Wittelsbacherbrücke in den Fluss und lass mich an der baumbestandenen Insel vorbeitreiben. Dann wieder anziehen, barfuß aufs Rad und lufttrocknen. Mehr Cabrio geht gar nicht. Und dann höflich klingelnd vorbei an diesen Touristengruppen auf ihren Playmobilrädern, schlauchbootdicke weiße Reifen, eierndes Gegurke, amerikanische Guides, die erklären, and here you see the Failedhernhelle, where Edolf Hitler first tried to come to power."